140
„Ich kann,“ erwiederte Bolten,„Deine Anſichten in dieſem Punkte nicht theilen. Die Ehe hat für mich ſelbſt in ihrer tiefſten Entartung etwas Heiliges; ſie erſcheint mir als ein unantaſtbares Sakrament, das nur durch den Tod des einen oder des andern Gatten gelöſt werden darf. Ich weiß wohl ſo gut wie Du, daß es Verbindungen giebt, welche beiden Theilen zum Unglück gereichen, aber die Scheidung halte ich von meinem Standpunkte für ſchlim⸗ mer als das beſtehende Uebel ſelbſt. Sie öffnet dem Leichtſinn und der Sittenloſigkeit die Thore und gerade durch eine laxere Geſetzgebung würde nur das ganze In⸗ ſtitut der Ehe in Frage geſtellt werden. Als Menſch kann ich den unglücklichen Ehemann oder die durch ihn elend gemachte Frau bedauern, als Geſetzgeber habe ich höhere Rückſichten zu befolgen. Der Staat ſelbſt und die bürger⸗ liche Geſellſchaft wäre bedroht, wenn die Grundlage des Familienlebens auf ſo unſicherem Boden ruhte und jeder Schwankung des ſubjectiven Beliebens Preis gegeben würde. Drum prüfe, wer ſich ewig bindet, ob ſich das Herz zum Herzen findet.“
„Grade weil die Prüfung ſo ſchwer und der Irr⸗ thum ſo leicht iſt,“ wandte Doktor Braun dagegen ein, „müßte die Geſetzgebung ihre Strenge aufgeben und eine mildere Praxis einſchlagen. Das Herz und die Liebe laſſen ſich nicht durch neue Paragraphen und juriſtiſche


