3⁵
dentliche Erſcheinung. Vor ihr ſtand ein Mann, der ſein dreißigſtes Jahr zurückgelegt haben mochte. Trotz ſeiner abgetragenen Kleidung lag ein unaus⸗ löſchlicher Adel in ſeiner Geſtalt, wie in ſeinen Zügen. Es war eines jener Geſichter, die man unter Tauſenden ſich merkt und nimmermehr ver⸗ geſſen kann. Schien es doch Adelen, als wäre eines jener unſterblichen Bilder Tizians lebendig geworden und aus ſeinem Rahmen vor ſie hin⸗ getreten. Dunkelſchwarzes Haar beſchattete eine hohe, bleiche Stirn, welche ſich leiſe zu furchen begann; unter den buſchigen Brauen ruhten geheim⸗ nißvoll die tiefſinnigen Augen; die gebogene Adler⸗ naſe und das feſte Kinn ſchien aus Marmor ge⸗ meißelt, um die feinen Lippen ſchwebte jetzt ein anmuthiges Lächeln, dennoch fühlte man, daß die⸗ ſer kühne Mund ſpöttiſch lachen, trotzig zürnen und gebieten könnte. Ein Leben voll Erfahrung und ernſten Kampfes hatte ſicher über dieſes Antlitz hin⸗ geſtürmt und der Griffel des Schickſals tief in daſſelbe ſeine Unglücksſchrift gegraben. Solch' ſcharf ausgeprägte Menſchen werden jetzt in der Welt immer ſeltener, wo die Thatloſigkeit, die ſchwächende Erziehung und der abnutzende, geſell⸗ 3*
—————


