219
aber ſie blieb ſteif im Sopha ſitzen, denn ſie theilte die Unruhe des Fräuleins keinesweges. Sie hatte Zeit.
Konſtanze gerieth in eine gelinde Verzweiflung, als die kleine dicke Jüdin feſt ſitzen blieb, ohne Rück⸗ ſicht auf ihre Gemüthsſtimmung zu nehmen. Sie hatte eine dunkle Ahnung von einem Ereigniſſe, das in ihr Leben eingreifen könne und ſie ſtand vor der Enthüllung dieſes Ereigniſſes wie gefeſſelt.
Ihre Geduld wurde durch die unerſchöpfliche Plau⸗ derluſt der Madame auf die äußerſte Probe geſetzt. Nichts wußte dieſe Frau ordentlich— immer ſchweifte ſie ab— Alles verdrehete ſie und dennoch ging ſie nicht, obwohl Konſtanze immer wieder nach der Zeitung verlangte. Endlich ertrug das junge Mädchen dieſen Zuſtand nicht mehr. Sie riß heftig die Glocke. Der Diener erſchien und ſie befahl ihm, bei der Wirthin nach der Sonntagszeitung zu fragen. Er ging eilig fort.
„Ja wohl—“ rief Madame—„das iſt ein guter Gedanke, ein ganz vortrefflicher Gedanke vom gnäd'gen Fräulein— nun werden wir ja ſehen, ob ich nicht Recht habe— ich parire darauf!“
Der Diener kam wieder.„Die Wirthin bedauere, die Zeitung ſei verbraucht!“
„Gehen Sie zum Nachbar,“ befahl Konſtanze ſehr aufgeregt. Sie ſtand auf und ſchritt unruhig hin und
14*


