Teil eines Werkes 
2. Band (1858)
Entstehung
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umriſſe der ſtattlichen Büſte noch nicht beeinträchtigt. Ich konnte dies beurtheilen— denn ſie ſtand vor meinen Augen in dem hellen Mondſcheine, nackt vom Hals bis zum Gürtel, wie in der Stunde der Kind⸗ heit. Nur das ſchwarze wildverworrene, über die Schultern herabhängende Haar bildete eine theilweiſe 8 Hülle. Auch dieſes hatte die Zeit noch unberührt gelaſ⸗ ſen, denn in der ganzen Fülle rabenſchwarzer Flech⸗ ten war auch noch nicht ein einziger Silberfaden zu

erblicken. 3 Die Zeit konnte auch die ſchönen Umriſſe des Geſchts nicht berühren. Die Form des Kinns, das

Oval dieſer Lippen, die Adlernaſe, die hohe glatte Stirn, das Auge— ha! was iſt mit dieſem Auge? Was bedeutet dieſes geſpenſtiſche Funkeln? dieſer wilde, ſtiere Blick? Ha! dieſes Auge— barmherziger Himmel! das Weib iſt wahnſinnig!

Ach es war nur zu wahr, ſie war wahnſinnig. Ir Blick würde ſelbſt einen zufälligen Beobachter übezeugt haben, daß die Vernunft hier nicht mehr 4 auf threm Throne ſaß. Ich aber brauchte nicht erſt in ihr Auge zu blicken. Ich kannte die Geſchichte ihres Unglücks, ihrer Leiden. Es war nicht das erſte Mal, daß ich dieſe Geſtalt ſah— mehr als 10* 3