nicht auf ihr eigenes Zimmer, ſondern ſchlich ſtill und haſtig die Treppe hinunter, über den Vorplatz und fort nach dem Kirchhof.
Gurli eilte durch den Wald, als ob ſie von den Furien gejagt würde. Es ſah aus, als ob ſie allen den Martern entfliehen wollte, welche ihre Bruſt erfüllten, um wo möglich an ihrer Mutter Grabe den Frieden und die Seelenſtärke, deren ſie jetzt entbehrte, wieder zu finden.
Ohne ſich nur Zeit zum Athemholen zu nehmen, ſtürzte ſie vorwärts und hielt erſt an, als ſie vor der niedrigen Kirchhofmauer ſtand. Sie drückte einen Augenblick ihre beiden Hände auf die Bruſt, als ob ſie den Schlag ihres Herzens ſtillen wollte, und trat ſo mitten unter die Gräber.
An der Ruheſtätte ihrer Mutter angekommen, ſchlang Gurli ihre Arme um das Marmorkreuz, drückte ihr Geſicht an daſſelbe, während die heißen Thränen über ihre Wangen floſſen.
Eine lange, lange Weile blieb ſie unbeweglich. Endlich ſchlüpften über die zitternden Lippen unzu⸗ ſammenhängende Worte:
Sie murmelte:
„Mutter, Mutter, gib mir deine ſtille Ergebung; lehre mich, wie ich ſeyn ſoll; erleuchte mich mit deinem Geiſte, damit mein Herz nicht ſterbe in dieſem Kampfe, und meine Seele nicht verbittert, mein Sinn nicht verhärtet werde. Sage mir, von wem ſoll ich Geduld, Verträglichkeit, Nachſicht und Milde lernen?“
„Von Chriſto!“ ließ ſich eine Stimme ganz in ihrer Nähe vernehmen.
Gurli's Schluchzen hörte auf, aber ohne daß ſie ihre Stellung veränderte oder zu dem aufſchante, wel⸗


