1
66
Nun iſt aber in dieſem Augenblicke das franzoͤſiſche Publikum taub und blind fuͤr Muſik und bildende Kuͤnſte; es iſt in Apathie verſunken gegen Alles, was ſich auf Wiſſenſchaft bezieht. Kann man ſich wundern, wenn die hochbegabteſten Kuͤnſtler und Schriftſteller das Ohr mit dem rohſten Orcheſterlaͤrm zerreißen, wenn ſie die lebhafteſten ſchreiendſten Farben auftragen, um die Augen auf ihre Gemaͤlde zu ziehen, wenn ſie auf der Buͤhne und in ihren Romanen die unſittlichſten Sce⸗ nen, die ſchaͤndlichſten Raͤnke, die graͤßlichſten Gefuͤhle darſtellen? Man muß mit den Woͤlfen heulen! Und wenn ſich eine ganze Nation, wie die franzoͤſiſche, nach Herzensluſt zur Barbarin macht, ſo muͤſſen ſchon die talentvollen Maͤnner, welche ſie erzeugt, ſich wider Willen dieſem Krankheitszuſtand anpaſſen und barba⸗ riſche Sachen ſingen, malen und ſchreiben, damit ſie verſtanden werden. So kann man ſich wenigſtens das ſeltſame Phaͤnomen einer Nation erklaͤren, die, in voͤlli⸗ ger Barbarei begriffen, doch in ihrer Mitte eine Gruppe von Gelehrten, Litteraten und Kuͤnſtlern beſitzt, deren Verdienſt nicht beſtritten werden kann.
Alle die genannten Urſachen, welche die ſchoͤnen Kuͤnſte zur Barbarei fuͤhren, bringen dieſelbe Wirkung in den Wiſſenſchaften hervor. Doch hat die Schreib⸗ kunſt, deren Urquell tiefer, deren Herrſchaft ausgedehn⸗ ter iſt, auch ihre eigenthuͤmlichen Anlaͤſſe zum Verfall; — von ihnen wollen wir ſprechen.


