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hundert Meilen getrennt, und kann nur noch der Poſt den Ausdruck ihrer Zärtlichkeit und die bald nicht mehr völlig zuverläſſigen Schwüre ihrer Beſtändigkeit anvertrauen. Eine Bühnenkünſtlerin iſt ſchön und ſittſam, ſie denkt nur an das Glück ihres Gatten, ſie iſt von einer Strenge der Sitten, daß man ſie als Muſter aufſtellen kann; wird denn aber dieſe Kouliſſen⸗Lukretia eine Rolle als Genius, als Sylphide ausſchlagen, in der ſie halb nackend erſchei⸗ nen muß, eine Verkleidung, wobei ſich alle Formen aufs Genaueſte abzeichnen? Nein, gewiß nicht. Sie wird ſelbſt nöthigen Falls darum bitten; dann wird ſie ſelbſt auch dem Schneider Anordnung geben, damit er die Pantalons nicht zu weit, das Waffenröckchen nicht zu lang mache, und iſt's ein Damenkleid, darüber wachen, daß Arme, Schultern und Umgebungen fein zu ſehen ſeien, wird Sorge tragen, daß die Gaze zu ihrem kurzen Röckchen recht durchſichtig ſei, und der fleiſchfarbene Trikot, der ihr als zweite Haut dient, dem Auge des Dilettanten keinen ihrer Umriſſe ent⸗ ziehe. Und doch thut ſie dies in allen Ehren, ohne bösliche Abſicht, ohne arge Gedanken, bloß aus Liebe zu ihrer Kunſt, nur, um kein Mittel zu vernachläſſigen, Beifall zu erhal⸗ ten, und in der Abſicht, um nach allen ihren Kräften dem Direktor und den Verfaſſern der neuen Oper dienſtlich zu ſein. Das iſt bewundernswürdig! das iſt reizend! Das entzückte Publikum bezeugt ſeine Wonne durch Bravos, und begrüßt die Künſtlerin beim Auftreten und Abgehen; es ſteht vor den ſchönen Dingen, deren Ausſtellung man ihm


