Teil eines Werkes 
7. Band, Thomas Thyrnau : 1. Theil (1855)
Entstehung
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yflegen. Wer ſie aufgerichtet ſtehen ſah, mit der hochgehobenen graden Haltung des Hauptes, welches auf dem ſchönen runden Halſe wie auf einer Säule ruhte, mit dem klaren Blick ihrer glänzenden blauen Augen und der redneriſchen Fülle des ſchön gewölbten Mundes der mußte fühlen, ſie gehöre zu den Gipfelpunkten ihrer Zeit, ſie ſei ein ſtrebendes und ſchaffendes Werkzeug für die Entwickelung ihres Landes und ihr ſcharfes Erkenntnißvermögen habe in ihrem feſten Willen die Stütze, die Gedanken Thaten werden läßt.

Die Zeit, in welcher die hohe Frau ſich ſo eben befand, war ein Ruhepunkt ihres bewegten Lebens. Sie konnte mit ſtolzem Bewußtſein auf die Reſultate ihres ſichern Willens ſehen und ſich in ſeltenem Maaße das Zugeſtändniß machen, daß ſie den Sieg über die gehäufteſten Hinderniſſe ſich ſelbſt ſchulde.

Der Aachner Friede hatte ihre erblichen Rechte anerkannt, ihre Grenzen geſichert, die kriegeriſche Aufregung von ganz Europa zur Ruhe verwieſen, und ſie mußte ſich ſagen, daß ſie mit der Energie, welche ſie entwickelt, ſich ſelbſt zu einem ge⸗ fürchteten und geachteten Oberhaupte Deutſchlands gemacht habe, ihren Gatten zum Kaiſer erhoben, und in dem erlangten Beſitz ſo vieler Vorzüge eine Garantie für die ſtalzen Pläne ihrer Zukunft erreicht habe.

Doch täuſchte ſie ſich nicht über den augenblicklich friedlich erſcheinenden Zuſtand Europa's. Zu wohl durch Kaunit, ihren würdigen Repräſentanten bei den Friedensunterhandlungen zu Aachen, unterrichtet, ſah ſie in den ſchwachen Banden, die hier geknüpft waren, ſchon den Zündſtoff neuer, unausbleiblicher Zwiſtigkeiten, und den Krieg erwartend, nutzte ſie die trüge⸗ riſche Ruhe, die wenigſtens einen Blick auf das innere Leben ihres Staates zuließ, um mit muthiger Hand die Wunden heilend zu berühren, die der langjährige, bis in das Herz ihrer Länder dringende Krieg überall geſchlagen.