In einem Thurmgemache der alten Hofburg zu Wien, welches in großartiger aber einfacher Ausſtattung ſich der Bewohnerin wuͤrdig zeigte, ſaß um das Jahr 1755 in einer Fenſterniſche die Kaiſerin Maria Thereſia und
las mit Aufmerkſamkeit in einem maͤßig ſtarken Akten⸗
ſtuͤcke, welches von dem vor ihr ſtehenden Arbeitstiſche genommen ſchien, auf welchem in großer L Ordnung Pa⸗ piere, Buͤcher, Karten und Pergamentrollen lagen, die das Arbeitszimmer der hohen Frau erkennen ließen. Sie war in der vollen Reife des mittleren Frauen⸗ alters und die Schoͤnheit, die ſie auszeichnete, trug den beſonders feſten und kraͤftigen Ausdruck eines edlen, ge⸗ ſicherten Selbſtgefuhls, welches jedem Zuge eine plaſti⸗ ſche Ruhe und eine Reinheit der Form erhielt, die faſt an die Unvergaͤnglichkeit dieſer Reize glauben ließ. Die Mode der damaligen Zeit ließ keines der kleinen anmu⸗
thigen Mittel zu, womit die Mängel der Form hinter
Locken, oder den Vortheilen verſchiedenartiger Kopfbe⸗ deckungen ſich zu verbergen vermoͤgen. Die Kaiſerin, wie alle Damen jener Zeit, gab ihr Geſicht von allem


