Teil eines Werkes 
11. Band, Neue Folge : 3. Band (1855)
Einzelbild herunterladen

— 373—

bei meinen Mitſchülern manchen ſchweren Buckel voll Prügel eintrug, die ich, als der Jüngſte und Schwächſte, einrieb und in der Stille verbiß. Das hatte anderweitig ſein Gutes; denn ich lernte frühe die Püffe tragen und dulden, die mir ſpäter das Leben und die Verhältniſſe beibrachten. Abhielt es mich aber nicht im Mindeſten, meinen Fleiß fortzuſetzen, und wenn ich's der Mutter einmal klagte, ſagte ſie: Beſſer Neider, als Mitleider. Und mit dem Sprüchworte tröſtete ſie mich.

„Die lateiniſche Schule koſtete mich nichts. Selbſt den Privatunterricht im Griechiſchen ertheilte mir der brave Rector unentgeldlich. So wuchs ich ziemlich heran, und als ich confirmirt war, kam die Zeit, vor der meine armen Eltern oft gezittert hatten, die nämlich, wo es eine unabweisbare Nothwendigkeit wurde, daß ich die Neckarſchule zu Heidelberg beſuchte. Wo, wie und wann ſollten die Eltern das aufbringen, deſſen ich dort benöthigt war, trotz aller Gewohnheit an die ſchmalſten Biſſen? Ich entſinne mich noch eines Abends aus jener Zeit, den ich genauer ſchildern muß.

„Es war am heiligen Pfingſttage. Morgens war ich mit meinem Vater auf der Orgel und ich ſollte, da der Herr Inſpector das Lied:„Wachet auf, ruft uns die Stimme ꝛc.“ gegeben hatte, ein fugirtes Vorſpiel vortragen, das mein Vater zu der herrlichen Melodie geſetzt hatte. Es war ein Meiſterſtück, das ich aber auch eingeübt hatte, daß es mir in den Fingerſpitzen und Zehen feſtſaß, mit denen ich Manual und Pedal regieren ſollte. Ich begann. Mein Vater ſtand neben mir und ſein Antlitz leuchtete wie das eines Seligen, als ich meine Arbeit gut machte. Das feuerte mich an und ich ſpielte meinen Satz tüchtig, ging dann in die Melodie über und leitete den Geſang der Gemeinde wie ein Alter.

„Als die Kirche aus war, überhäufte der Rector meinen Vater mit Lob und mir drückte er die Hand, was eine Ehre war, die mir ſelten wieder vorkam. Wir kamen beide überglücklich heim und die Thränen der Mutter, die ſchon von den Nachbarinnen Alles wußte, waren nur eine Erhöhung unſerer Freude. Mittags nach dem Gottesdienſte kam der Kirchendiener und lud meinen