Teil eines Werkes 
11. Band, Neue Folge : 3. Band (1855)
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„Aus meiner Knabenzeit erinnere ich mich noch eines alten Herrn Vetters, der in Mannheim Organiſt an der Hauptkirche war. Das Bild dieſes Mannes, der noch ſo ganz nach Form und Weſen der erſten Hälfte des vorigen Jahrhunderts angehörte, ſchwebt mir ſo lebhaft vor, als hätt' ich ihn geſtern zum letzten Male geſehen, und doch liegt zwiſchen unſerem letzten Begegnen hienieden und heute auch die Hälfte eines Jahrhunderts und ſelbſt noch mehr denn ein Jahrzehend drüber hinaus.“

Das waren die einleitenden Worte meines nahezu ſiebzig⸗ jährigen Nachbars zu Heidelberg, bei dem ich gemüthlich ſaß.

„Ei,“ ſagte ich zu, dem lieben, geſchichtenreichen Mann,„iſt's denn möglich, daß Sie ſich aller Einzelnheiten entſinnen können?“

„Ja gewiß,“ ſagte er,„und ich will Ihnen zeigen, wie lebhaft mein Gedächtniß geblieben iſt und wie treu, indem ich Ihnen vorerſt den Mann ſchildere und Ihnen dann die Geſchichte ſeines Lebens erzähle, oder doch ein weſentliches Stück davon.“ 6

„Mein Herr Vetter war, wie geſagt, alt, faſt ſo alt, als ich heute, da beſuchte er uns noch einmal hier und lebte ſich in die Zeit zurück, da er auch hier ſtudirt hatte.“—

„Studirt?“ fragte ich erſtaunt.„Ein Organiſt und ſtudirt.“

Mein Nachbar lächelte.

„Das iſt's ja eben, was Ihnen ſeine Geſchichte intereſſant machen dürfte,“ ſagte der alte Herr.„Nun hören Sie:

„Er war damals noch ein kräftiger Greis, der ſich grade hielt; obwohl ſein innerſtes Weſen demüthig war, kam dieſe Haltung Manchem vor wie Hochmuth. Davon war er himmelweit entfernt. Sein Geſicht war friſch und deſſen Ausdruck mild und heiter. Er war ein ſchöner Greis. Sein Haar war reich und ſo gepudert,

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