I.
Wer nicht ſelber freien kann, Hole ſich den Freiersmann. Volkslied.
Je entfernter eine Gegend von den großen Straßen des Welt⸗ verkehres liegt, deſto länger erhalten ſich Sitten und Gebräuche, ererbt von den Vätern, bei denen ſie ſich je nach Eigenthümlichkeit des Charakters, der Lebensweiſe und des Herkommens feſt und beſtimmt ausgeprägt.
Zu ſolchen Gegenden iſt der Hunsrücken zu rechnen, jenes zwiſchen Rhein, Moſel und Nahe gelegene Hochland, das an Frucht⸗ barkeit, Naturſchönheit und hiſtoriſchen Denkmalen reich, ſehr unver⸗ dient in dem Rufe ſteht, eine rauhe, unwirthbare Gegend zu ſein.
Wenn auch hier die moderne Cultur hin und wieder zu lecken beginnt, wenn auch hier die Zeit leider nicht allzu ferne ſein dürfte, wo die alte Sitte moderner Verflachung weichen wird, ſo iſt doch zur Zeit noch das Alte in Ehren, ſo liegt im biedern, treufrommen
Charakter des Volkes noch ein mächtiger Damm, und da es kaum zzu erwarten ſteht, daß eine Eiſenbahn dieſe Höhen und Thäler, Fluren, Wälder und Wieſen durchſchneide, ſo wird auch der entſitt⸗ lichende und nivellirende Touriſtenweltſtrom kaum ſeine Wogen ausbreiten. In dieſem friſchen und ſchönen Landſtriche, faſt in der Mitte der angegebenen Flußgrenzen, liegt eins jener ſtattlichen Dörfer, denen man den Wohlſtand von ferne anſieht, wenn auch der jene und
die wohlbeſtellten Fluren, die ſaftigen Wieſengründe, begrenzende Hochwald, einen
dieſe faſt von allen Seiten dunkel ſolchen Schluß nicht von vornherein rechtfertigten.
Inmitten des Dorfes ſteht auf einer hügelartigen Erhöhunz die Kirche, deren Bauart zwar nichts Bedeutendes hat, deren


