Eine Nacht. 245
laſſen ſich nicht durch Ihre wohlgemeinte Frage irre
n.
Der Referendar ſtarrte mich verwundert an und ſchien zu erwägen, ob mein Gehirn durch den Schreck vielleicht krankhaft afficirt ſein möge. Er zuckte die Achſeln, zog ſein Buch aus der Taſche und fing an zu leſen.
Unſere Reiſe ging unaufhaltſam vorwärts; von Station zu Station wurden die Pferde gewechſelt; die beiden Häſcher blieben uns fortwährend gegenüber. Der Referendar war ſchweigſam und las viel in ſeinem Fichte, ohne ſich um die auf ihn gerichteten Feuerſchlünde zu kümmern; mich peinigte dagegen beſtändig der Ge⸗ danke, dieſelben könnten ſich durch eine Erſchütterung des Wagens plötzlich entladen, und ich geſtehe, daß ich mich möglichſt außerhalb der Schußlinie zu halten be⸗ müht war. Es geſchah jedoch nichts der Art, und wir langten wohlbehalten in Caſſel an, um aus dem Wa⸗ gen ins Gefängniß zu ſteigen.
Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß man den über meine Perſon entſtandenen Irrthum bald ent⸗ deckte, zumal da der Referendar, welcher als gewiſſen⸗ hafter Fichtianer jede, auch die wohlgemeinteſte Unwahr⸗ heit verdammte, ſich ganz offen über den Sachverhalt ausſprach. Ich ſelbſt war inzwiſchen ganz zufrieden, der Löwenhaut entkleidet und wieder ich ſelbſt zu wer⸗ den, und bemühte mich beſtens, die vorgegangene Ver⸗ wechſelung als einen mir höchſt unangenehmen Zufall, an dem ich völlig unſchuldig, darzuſtellen. Man wollte jedoch anfangs meinet wahrheitsgemäßen Erzählung, wie ich in das Schloß des Barons und ſpäter in den Heuſchober gerathen, keinen Glauben ſchenken und be⸗ handelte mich als einen gefährlichen Verbrecher. Ich fühlte mich durch dieſe mir beigelegte Wichtigkeit jetzt nicht im mindeſten mehr geſchmeichelt; düſtere Viſionen ſtiegen in meinem Kerkerloch, beſonders in ſchlafloſen Nächten, vor meinem Geiſte auf; ich dachte häufig an


