Teil eines Werkes 
5. Abt., 1. Bd. (1863)
Entstehung
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187 Dame und die Thürme des Juſtiſtpalaſtes ſchienen Umriſſe der Nacht zu ſein. Eine Straßenlaterne röthete die Brüſtung des Quai's. Der Regen hatte den Fluß angeſchwellt.

Der Ort, an welchem Javert ſich aufgeſtützt hatte, lag, wie man ſich erinnern wird, gerade über der heftigen Strömung der Seine und jenem furchtbaren Wirbel, der ſich fortwährend wie eine Schraube ohne Ende dreht.

Javert bog den Kopf vor und blickte hinab. Alles war ſchwarz. Man konnte Nichts unterſcheiden. Man hörte das Rauſchen des Fluſſes, aber man ſah ihn nicht.

Zuweilen erſchien in dieſer ſchwindelnden Tiefe ein ſich ſchlängelndes Licht, denn das Waſſer hat die eigen⸗ thümliche Macht, in der finſtern Nacht zu leuchten, ohne daß man weiß, woher es das Licht nimmt. Der Schimmer verſchwand wieder und Alles wurde undeutlich. Hier ſchien ſich die Unendlichkeit zu öffnen. Was man unter ſich hatte, war nicht das Waſſer, ſondern ein Abgrund. Die Mauer des Quai's, ſteil, verſchwindend in der Finſterniß und zu⸗ gleich dem Blick entzogen, machte die Wirkung, als führte ſie in eine endloſe Tiefe hinab.

Man ſah Nichts, aber man fühlte die eiſige Kälte des Waſſers und den Dunſt der naſſen Steine.

Ein wilder Hauch ſtieg aus dieſem Abgrund empor. Das Schwellen des Fluſſes, das man mehr errathen, als erkennen konnte, das finſtere Rauſchen der Wogen, die dunklen Geſtalten des Brückenbogens, der denkbare Sturz in dieſe finſtere Leere, alle dieſe Schatten waren von Schrecken erfüllt.

Javert blieb einige Minuten regungslos, hinabblickend in die Oeffnung der Finſterniß; er betrachtete das Unſicht⸗ bare mit einer Feſtigkeit, welche der Aufmerkſamkeit glich. Das Waſſer rauſchte. Plötzlich nahm er den Hut ab und legte ihn auf die Brüſtung des Quai's. Einen Augenblick