Teil eines Werkes 
2. Bd. (1857)
Entstehung
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Natur, die ein unendliches Daſein hat, die Bäume, die tauſend Jahre leben, haben Schläfe von vier oder fünf Monaten, welche für uns Winter und für ſie nur Nächte ſind. Die Poeten beſingen in ihren neidiſchen Verſen die Unſterblichkeit der Natur, welche jeden Herbſt ſtirbt und jeden Frühling wieder auf⸗ lebt; die Poeten täuſchen ſich, die Natur ſtirbt nicht im Herbſte, ſie ſchläft nur ein; ſie lebt nicht wieder auf im Frühling, ſondern ſie erwacht. An dem Tage, an dem unſer Erdball wirklich ſtirbt, wird er auch todt ſein und in den unendlichen Raum rollen oder in den Abgrund des Chaos fallen, unthätig, ſtumm, einſam, ohne Bäume, ohne Blumen, ohne Grün, ohne Poeten.

An dieſem ſchönen Tage des 23. Februar 1800 nun ſchien die eingeſchlummerte Natur vom Früh⸗ ling zu träumen; eine glänzende, beinahe heitere Sonne ließ auf dem Graſe des Graben, der an bei⸗ den Seiten des Weges hinlief, jene trügeriſchen Per⸗ len des Rauhreifes funkeln, die an den Fingern der Kinder zerfließen und das Auge des Landmannes erfreuen, wenn ſie an den Spitzen ſeines kräftig aus der Erde hervorſprießenden Kornes zittern. Man hatte die Fenſter der Diligence geöffnet, um jenem vorzeitigen Lächeln Gottes ins Auge zu ſchauen, und rief dem ſo lange vermißten Strahle zu:Sei will⸗ kommen, Wanderer, den wir in den Wäldern des Weſtens oder den ſtürmiſchen Wogen des Oceans verirrt glaubten!

Plötzlich, nachdem man ungefähr eine Viertel⸗

ſtunde von Chatillon abgefahren und an eine Krüm⸗

mung des Fluſſes gekommen war, hielt der Wagen