Teil eines Werkes 
Denkwürdigkeiten eines Arztes : [Dritte Abteilung], Ange Pitou : 1.-4. Bändchen (1851) Mémoires d'un médecin
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Als ſie die Augen wieder öffneten, hatte Paris nichts von der wilden Phyſiognomie verloren, die ſie am Tage zuvor an ihm wahrgenommen⸗

Nur mehr Soldaten und überall Volk.

Das Voik bewaffnete ſich mit Piken, die man in der Eile fabricirt hatte, mit Schießgewehren, deren ſich die Meiſten nicht zu bedienen wußten, mit herrlichen Waffen aus einem andern Zeitalter, an denen die Trä⸗ ger ihre Verzierung von Gold, Elfenbein und Perl⸗ mutter bewunderten, ohne den Gebrauch und den Me⸗ chanismus davon zu verſtehen.

Sogleich nach dem Rückzug der Soldaten hatte man das Garde⸗Meuble geplündert⸗

Und das Volk rollte zwei kleine Kanonen gegen das Stadthaus.

Die Sturmglocke erſcholl in Notre Dame, im

Stadthauſe, in allen Kirchen. Man ſah, von wo? man wußte es nicht, unter den Pflaſterſteinen hervor Legionen von bleichen, magern, nackten Männern und Weibern kommen, welche am Tage zuvor: Brod! ge⸗ ſchrieen hatten und heute: Waffen! ſchrieen. Es läßt ſich nichts Entſetzlicheres denken, als die Geſpenſterbanden, welche ſeit ein paar Monaten aus der Provinz eintrafen, ſtillſchweigend durch die Bar⸗ rieren zogen und ſich in dem ſelbſt ausgehungerten Paris einquartierten, wie die arabiſchen Goules*) auf einem Friedhof.

In Paris durch die Ausgehungerten jeder Provinz vertreten, rief ganz Frankreich an dieſem Tag ſeinem König zu: Mache uns frei; und ſeinem Gott: Sättige uns!

Zuerſt wach geworden, weckte Billot Pitvu auf, und Beide wanderten nach dem College Louis⸗le⸗Grand,

*) Bei den Orientalen eine Art von Dämon, ein weiblicher Dämon, der die Friedhöfe heimſucht und ſich mit Leichen füttert. D. Ueberſ.