290 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher.
vel's mit ſeinen großen, knochigen Fäuſten, ſeinem dürren Hals und ſeinem unheimlichen Geſicht. Bei dem Scharf⸗ richter ſtand ſeine Frau,— die ehemalige Miſtreß Sypurling. Miſtreß Marvel hielt ſich das Schnupftuch vor die Augen und ſchien ſehr betrübt zu ſein. Aber ihr Gemahl, in deſſen Benehmen ſeit der Knüpfung des unlösbaren Knotens eine große Veränderung vorgegangen war, bekümmerte ſich nicht im Mindeſten um ihre Traurigkeit.
Jetzt begann die Glocke von Newgate zu läuten und die Glocke der Heiligengrabkirche antwortete ihr. Die große Thüre der Steinhalle öffnete ſich und die Sheriffs ſchritten unter Vortritt der Spießträger herein. Ihnen folgte Jona⸗ than, der einen dicken Stock unter dem Arme trug und ſich neben den Block ſtellte. Kein Wort fiel unter der ganzen Verſammlung; alle waren von der geſpannteſten Erwartung beherrſcht.
Dann öffnete ſich eine andre Thüre und unter Vortritt des Geiſtlichen, der die heilige Schrift in der Hand trug, trat der Gefangene ein. Obgleich von den Eiſen beläſtigt, war ſein Schritt feſt und ſein Benehmen voll Würde. Sein Geſicht war todtenbleich, aber keine Muskel zitterte, und er verrieth auch nicht den leiſeſten Anſchein von Furcht. Im Gegentheil, es war unmöglich, ihn anzuſehn und nicht über⸗ zeugt zu ſein, daß ſeine Entſchloſſenheit unerſchüttert war.
Mit langſamem feſtem Schritt auf den Steinblock zu⸗ gehend, ſetzte er den linken Fuß hinauf, richtete ſich gerade auf und heftete einen ſo durchdringenden Blick auf Jona⸗ than, daß der Diebsfänger davor zurückbebte.
Der Neger ſchwang unterdeſſen ſeinen Hammer und ent⸗ nietete bald die Ketten. Der erſte Schlag ſchien alle leiden⸗ ſchaftlichen Regungen Jonathan's zu erwecken. Er richtete einen wilden, triumphirenden Blick auf Sheppard und rief:
„Endlich iſt meine Rache vollſtändig.“


