Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
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einem Gluthmeer, das entweder herrliche Blüthen treiben oder Verwüſtung und Tod bringen mußte. Giſela fühlte, daß Judith täglich ſehen von nun an Judith haſſen bedeuten würde, und ſie, die noch nicht die Gewalt der Liebe in ſich erprüft hatte, ſchauderte nun vor der Gewalt des Haſſes, die ſie plötzlich in ſich erkannte.

Aber es war nicht ohne ein Gefühl von Zu⸗ friedenheit und Stolz, daß ſich Giſela dieſer Ge⸗ walt bewußt ward; ihr Herz hatte bis jetzt einer ruhigen unbewegten See geglichen, und mit einer Art heiliger Scheu gewahrte Giſela jetzt bei dem erſten Sturm es ſich erheben zu mächtigem Wo⸗ genſchlag und in urelementlicher Kraft gähnende Abgründe und ſchäumende Höhen bilden.

Oh, ſagte ſie, durchſchauert von ganz neuen Empfindungen,ich kann haſſen mit meinem ganzen ungetheilten Weſen, alſo werde ich auch lieben können, ſo heiß und glühend, ſo mein gan⸗ zes Daſein verſchlingend. O mein Gott, wo

bleibt denn die Liebe, daß ſie mir Entzücken und Qual, Jubel und Thränen bringe. Meine Seele ſehnt ſich nach der ihr verwandten zweiten Seele, der ſie ſich ergeben, in die ſie ſich verlieren, mit der ſie Eins ſein könnte durch alle Ewigkeit! Mein Gott, wo bleibt denn die Liebe, welche mir das Glück bringen ſoll?

Und das glühende Kind breitete in ſehnſüch⸗ tigem Verlangen ihre Arme aus, und ihre ſchwim⸗