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glühenden Augen forſchend auf das Antlitz ihrer Schweſter, und ſchauderte innerlich vor dem Aus⸗ druck vollkommener Ruhe, der aus ihren Zügen ſprach. Sie wich dem Anblicken ihrer Schweſter nicht aus, und als ſich ihre Augen begegneten, verrieth kein Zucken ihrer Augenwimpern ihre in⸗ nere Unruhe.
Giſela erbebte, und ein Schauer durchrieſelte ihre Glieder, ſie lehnte ſich matt an die Wand, denn es dunkelte vor ihren Augen. Es war ihr, als verlöre ſie in dieſem Moment ein theures Be⸗ ſitzthum, als ſei ſie plötzlich gänzlich vereinſamt und verlaſſen. Und verlor ſie nicht in dieſer Stunde ihre letzte Verwandte, ihre einzige Schwe⸗ ſter, der ſie vertrauet, an die ſie geglaubt, wenn ſie auch nicht ſie geliebt hatte? Nicht die Scene, welche ſie vorher erſchaut, nicht dieſe war es, die ſie von ihrer Schweſter trennte, ſondern der jetzige Moment. Daß Judith liebte, daß ſie ihren Ge⸗ liebten heimlich bei ſich ſah, das hätte Giſela ver⸗ ziehen, aber die Frechheit, die unerhörte Heuchelei ihrer Schweſter,— das war es, was ſie ent⸗
ſetzte.
Sie blickte ſchaudernd plötzlich in einen Ab⸗ grund von Trug und Täuſchung, und mußte er⸗ kennen, daß Judith's ganzes Weſen nichts ſei, als eine einzige große Lüge!.
„Leuchte dem Fräulein in ihr Zimmer, Ka⸗ roline,“ befahl Iudith mit feſter Stimme,„ihr


