Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 3. Band (1857)
Entstehung
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Die Königin richtete ſich raſch von ihrem Divan empor, und wollte ihrem Gemahl entgegen eilen, aber Ludwig kam ihr zuvor, und ſich ihr mit ungewöhnlicher Eilfertigkeit nähernd, drückte er ſie leiſe wieder in die Kiſſen des Divans zurück.

Bleiben Sie, Madame, ſagte er freundlich. Ich komme nur, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, und wenn Sie Sich um mei⸗ netwillen derangiren, ſo muß ich fürchten, läſtig zu werden, und muß Sie daher ſogleich wieder verlaſſen.

Sire, ich bleibe alſo auf meinem Divan, damit Sie bleiben, ſagte

Marie Antoinette mit einem matten Lächeln. Und wie geht es Ihnen heute? fragte der König. Sie ſind noch

immer leidend?

Es iſt eine Erkältung, Sire, und ſie wird vorübergehen.

Eine Erkältung, welche Ihnen der kalte Morgenwind zugezogen hat, rief Ludwig mit ſcharfem Ton. Es ſcheint alſo in der That, daß die Königinnen von Frankreich ſehr Recht thaten, wenn ſie es bisher vermieden, jemals die Sonne aufgehen zu ſehen, weil das allerlei üble Folgen haben kann.

Die Königin warf einen raſchen, prüfenden Blick auf das Antlitz des Königs, und bemerkte ſehr wohl die finſtere Wolke auf ſeiner Stirn.

Ew. Majeſtät haben mir indeß die Erlaubniß dazu gegeben, ſagte ſie ernſt. 4

Ich glaube, es war Unrecht, daß ich das that, ſagte der König gedankenvoll vor ſich hin. Ich hätte bedenken ſollen, daß das franzö⸗ ſiſche Volk leider ſeit einem halben Jahrhundert nur gewohnt iſt, am Hofe ſeiner Könige Verderbniß, Schamloſigkeit und Sittenloſigkeit ihr freches Spiel treiben zu ſehen, und daß es daher den Glauben an die Unſchuld, die Keuſchheit und Herzensreinheit verloren hat. Sie wer⸗

den das arme franzöſiſche Volk erſt wieder lehren müſſen, Madame, die Unſchuld von der Sittenverderbniß, und die ahnungsloſe Unbefan⸗ genheit, welche nichts vorlügt, weil ſie nichts zu verbergen hat, von der frechen Zügelloſigkeit, welche nichts verbirgt, weil ſie keine Scham

mehr kennt, zu unterſcheiden. Aber ich glaube, wir müſſen dabei ſehr

vorſichtig zu Werke gehen, um uns ſelber vor Mißdeutungen zu be⸗ wahren! F 8 11*