417
ſa te, fuͤhlbare Herz, noch eben die Heftigkeit der Lei⸗ de wchaft. Es iſt noch eben die Begier, gelieht zu wer⸗ den, und das aͤngſtliche marternde Gefuͤhl, wenn ihm Neigung verſagt wird. Alles! Alles! Und von dir ſpricht er, Marie! wie in jenen gluͤcklichen Tagen der feurig⸗ ſten Leidenſchaft; es iſt, als wenn dein guter Geiſt die⸗ ſen Zwiſchenraum von Untreu und Entfernung ſelbſt ver⸗ anlaſſt habe, um das Einföͤrmige, Schleppende einer langen Bekanntſchaft zu unterbrechen und dem Gefuͤhl eine neue Lebhaftigkeit zu geben.
Marie. Du red'ſt ihm das Wort?
Sophie. Nein, Schweſter; auch verſprach ich's ihm nicht. Nur, meine Beſte, ſeh' ich die Sachen wie ſie ſind. Du und der Beuder, ihr ſeht ſie in einem all⸗ zuromantiſchen Lichte. Du haſt das mit gar manchem guten Kinde gemein, daß dein Liebhaber treulos ward und dich verließ! Und daß er wieder kommt, reuig ſei⸗ nen Fehler verbeſſern, alle alte Hoffnungen erneuern will— das iſt ein Gluck, das eine Andere nicht leicht von ſich ſtoßen wuͤrde. 3
Marie. Mein Herz wuͤrde reißen!
Sophie. Ich glaube dir. Der erſte Augenblick muß anff dich eine empfindliche Wirkung machen— und dann, meine Beſle, ich bitte dich, halt' dieſe Bangig⸗ keit, dieſe Verlegenheit, die dir alle Sinne zu uͤbermei⸗ ſtern ſcheint, nicht fuͤr eine Wirkung des Haſſes, fuͤr
keinen Widerwillen. Dein Herz ſpriche mehr für ihn Goethe's Werke. VI. Bd. 27


