Schlußwort des Ueberſetzers.
Der dritte und letzte Band unſerer Ueberſetzung erfolgt früher, als er verſprochen worden. Da wir wahrend derſelben, jede andre Ar⸗ beit bei Seite geſetzt hatten, war es möglich, ohne Uebereilung oder gewiſſenloſe Leichtfertigkeit der harrenden Leſewelt dieſe Befriedigung
au gewähren. Denn wenn auch Manzoni zuweilen ins Breite ge⸗ räth, oder uns an verſchiedene Standpunkte zur Betrachtung deſſel⸗
zelnen kleinen Züge ſo naturgemaß, ſo treffend und dem Dichter ci⸗ genthümlich, daß mit jedem Wegſchnitt ſein poetiſcher Charakter ver⸗ wundet wird. 8. 8 8
„Nur bei der Darſtellung der Peſt ſind einige Rebenzüge ausge⸗ ſchieden worden. Der Dichter hatte ſeine Landsleute, oft ſelbſt ſeine Mailändiſchen Stadtgenoſſen, im Auge, und dieſen mußte auch das Unbedeutendſte willkommen ſeyn. Wir trugen bei Weglaſſung deſſel⸗ ben kein Bedenken. Was aber deun Eharäktergehräge des ſiebzehn⸗ ten Jahrhunderts, deſſen Eigenthümlichkeit, wie der Grundton eines Gemähldes, durch die ganze Dichtung waltet, was zur lebendigen Darſtellung der Meinungen und Sitten, der Einſichten und Irrthü⸗ mer beiträgt, durfte, unverletzlich und heilig, keinesweges ausgeſtoßen werden, und hier hatte auch die geringfügigſte Bemerkung ihren voll⸗ wichtigen Auſpruch.— 3
„Mit dieſer Erinnerung muß der Ueberſetzer den verſchiedenartigen Leſern begegnen. Denn während der Eine gerade den hiſtoriſchen Fa⸗ den der Dichtung mit Begierde auffaßt, den, Tumult in einer hunger⸗ leidenden Stadt weit theilnchmender als in einem liebenden Herzen be⸗ trachtet, und an einer Verordnung des Mailändiſchen Magiſtrats ſich ergötzlicher als an den Schickſalen der armen Verlobten erbaut, wird
er Andre über die geſchichtlichen Darſtellungen in liebenswürdigen Unwillen gerathen, wird ſie, wie cinen nackten Schieferfelſen in ei⸗ nem freundlichen Blumenthalé, verwünſchen, vor ungeduldiger Neu⸗ gier mit den Füßen ſtampfen, und um ſich mit keinem leidenſchaftli⸗ chen Worte gegen den Verfaſſer zu verſündigen, ſolche Epiſoden lie⸗ ber ganz und Jar überſchlagen. Jeder nach ſeiner Weiſe. Und doch
ben Gegenſtandes führt, ſo ſind doch in dieſer Breite ſelbſt die 156
müſſen wir warnen, der Lejer möge ſich bei der Darſtellung der Peſt von keiner Ungeduld mißleiten laſſen; die beiden darauf folgenden Kapitel, das Gelungenſte vielleicht im ganzen Romane, ſind ohne jene iah wohl zu verſtehen, und müſſen an eigenthümlichem Reize bedeu⸗ kend einbüßen.
So möge denn die treffliche Dichtung den deutſchen Leſern em⸗ pfohlen ſeyn; ihr innerer Werth bürgt dafür, des ſie im vielgeſtalti⸗ gen Aufzuge der Literatur nicht als eine flüchtige Erſcheinung vorüber⸗ Fleiten werde. Dem Ueberſetzer aber war's ein willkommener Ruf,
ſe Geſtade des Comoſee's, wo er ſchöne Sge verlebte, wieder zu ſe⸗
hen, und in den Straßen des lebensluſtigen Mailands, deſſen heutige
Pracht an die alten Zeiten des Drangſals nicht erinnert, auf's Neue
zu wandern. So geſellte ſich zur Arbeit manches wehmüthig⸗ ſüße Gefühl, und manche vergeſſene Freundesgeſtalt tauchte aus dem Re⸗
bel der Vergangenheit tröſtlich mahnend wieder hervor.
Berlin, 1ten December 1827. Dan. Leßmann.
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