Sigismund redete von den ſocialen und politiſchen Verhältniſſen des Reiches. Jener hatte die Kaiſerin in ihrem reichen Schmuck, in ihrer glänzenden Umgebung beſchrieben, Dieſer charakteriſirte den Kaiſer und ſeine vertrauten Räthe.
Wo der Eine nur die flimmernde Außenſeite bewunderte, bemerkte der Andere den tiefen Abgrund ſittlicher Verderbniß, den ſie verbarg.
Dem Vater gefielen Sigismund's verſtändige Worte, wie der Tochter Adrian's muntere Rede gefallen hatte. Solch eine Meinungsverſchiedenheit kommt auch bei den Zunächſtſtehenden nur allzuhäufig vor.
Spät wurden dem reichen Kaufmann, wie gewöhnlich, Courszettel und Briefe gebracht.
„Wehe,“ ſagte er leiſe, als der Diener hinausgegangen war,„wehe, das iſt ein großes Unglück!“
„Was iſt geſchehen?“ fragten Alle mit Spannung.
„Eine vollſtändige Niederlage, Waſa's und Tarnow's ganzes Corps zerſprengt—“
„Und ich bin noch hier!“ rief Sigismund aufſpringend.
„Bleiben Sie!“ bat Abraham und legte ſeine Hand auf des jungen Mannes Arm.„Da draußen nützen Sie nichts mehr; Sie müſſen auf Flucht, auf Rettung denken.“
„Niemals—“
„In den Wald können Sie nicht zurück, es wäre Tollheit, wenn Sie ſich den Ruſſen in die Arme würfen. Warten Sie einige Tage ab, wenig⸗ ſtens ſo lange, bis ſichere Nachrichten hier ſind.“
„Es iſt unmöglich— ich habe mein Blut dem Vaterlande geſchworen.“ 1
„Das Vaterland wird es ſpäter beſſer brauchen können, als jetzt.“
„Halten Sie mich nicht, ich kann nicht bleiben, wenn die Pflicht mich ruft!“—
Indem hörte man im Vorſaale ſchwere Tritte und Sporengeklirr.
„Gott meiner Väter,“ ſagte Abraham leiſe,„das ſind die Ruſſen.
Sie waren es.
Fünf bärtige, uniformirte, bewaffnete Männer ſchleppten einen ſechsten herein, und dieſer ſechste war gebunden, ſeine Kleider waren zerriſſen und beſtaubt, ſein blondes Haar hing wirr über das bleiche, von Wuth und Schmerz entſtellte Antlitz.
„Adrian!“ rief Rebecca, ſprang auf den Gefangenen zu und legte ihre weißen Hände auf ſeine gefeſſelten Arme. 5
„Adrian?“ rief der Anführer der Ruſſen.„Alſo kennſt Du den Herrn Grafen, mein ſprödes Täubchen? Wie kommt es denn nun, daß Dein
kluger Vater nicht gewußt hat, wenger beherbergte, da doch ſein Töchterchen es weiß?“


