Druckschrift 
Novellen / von Dr. Siegmund Schlesinger
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

mein bleiches Antlitz, und ihre Lippen gruben ſich in die meinen; doch Thuͤren oͤffnen ſich zuweilen, und die Tante ſtand an meiner Seite.

Was noch geſchehen, iſt mir unklar. Ich erinnere mich jedoch, daß ich hoͤflich mit meinem Hute im Vor⸗ zimmer ſtand, und die wuͤrdige Frau, zu mir ſagte: Mein Bruder, Erneſtinens Vater, iſt Gouveneur einer Provinz. Merken Sie ſich das, junger Mann, und fuͤh⸗ len Sie, wie ich ſeinen ungemeſſenen Stolz kennend, han⸗ deln muͤſſe. Sie ſind Ihren Empfindungen gefolgt ich trage die Schuld, Ihnen zu dieſer Verirrung Gele⸗ genheit geboten zu haben. Erneſtine ſehen ſie fuͤr jetzt nicht wieder; Sie wuͤrden es aber meinem fruͤhern Ver⸗ trauen auf Ihre Rechtlichkeit ſchuldig ſein, durch bald moͤglichſte Entfernung aus dieſer Stadt meine Angſt und das unangenehme Verhaͤltniß eines ſtreng eingeſchoſſenen Maͤdchens mit einem Schlage zu loͤſen.

Ferners entſinne ich mich, wie ich das Haus eine halbe Stunde etwas gedankenlos angeſtarrt, und einen wuͤhlenden, ſtechenden Schmerz in der Bruſt gefuͤhlt hatte. Der dauerte noch immer fort, als ich in der dunkeln Nacht durch das Knarren eines Wagens im Sande und das Horn des Poſtillons aus meinem Halbſchlummer erweckt worden. Tags darauf war ich in der Reſidenz, und am zweiten Tage kuͤßte ich Er⸗ neſtine in den Phantaſien eines heftigen Fiebers.

2*