Jahrgang 
2
Einzelbild herunterladen

598

Ruhig Blut! fiel der Fabrikant ihm raſch in's Wort. Hier wird nicht raiſonnirt, das merkt Euch. Merkwürdig, wie unverſchämt und trotzig dieſes Volk iſt! Ihr ſolltet mir Dank wiſſen, daß ich noch arbeiten laſſe!

Wüßten Sie nicht Geld dadurch zu verdienen, würden Sie's wahrhaftig nicht thun, ſagte der junge Mann, in deſſen Adern das elun zu kochen ſchien.Unſertwegen thun Sie's wahrhaftig nicht!

Ein Thaler Abzug! wandte der Fabrikant ſich kalt zu ſeinem Werkmeiſter, der hämiſch lächelnd das Stück aufrollte.

Iſt das Ihr Ernſt? fragte der Weber mit jener dumpfen, ſchwielen Ruhe, die dem Gewitter vorangeht.Meine Frau iſt in voriger Woche im Wochenbett geſtorben, ich mußte ſie und das Kind beerdigen laſſen

Was kümmert das mich! unterbrach der Fabrikant ihn ge⸗ fühllos.Weshalb habt Ihr geheirathet?

Herr des Himmels, dieſer Menſch iſt im Stande, uns zu fragen, weshalb wir unſre Angehörigen nicht ermorden, damit wir nicht mehr nöthig haben, für ſie zu ſorgen! rief der Weber aufbrauſend.Herr, Sie müſſen mir meinen Lohn voll aus⸗ zahlen, oder

Oder? höhnte der Fabrikant.Scheeren Sie ſich hinaus, heute Abend erhalten Sie keinen Pfennig, morgen können Sie wiederkommen und abrechnen!

Ohne ein Wort zu erwidern, entfernte der Weber ſich, als er an dem langen Chriſtian vorbei ging, erſchrack dieſer unwillkührlich vor der wilden, verzehrenden Gluth, die in den Augen des ſchwer gekränkten Mannes loderte.

Andere traten an den Tiſch und faſt Alle mußten ſich die ſcharfe Kritik und den Abzug gefallen laſſen, nur ein junges, hübſches Mädchen blieb verſchont.

Zwar wollte auch bei ihr der Werkmeiſter verſchiedene rädelide Bemerkungen machen, aber der Fabrikant ließ ſie nicht gelten.

Eben wollte Kunibert Scharf an den Tiſch treten, als plötzlich der RufFeuer! erſcholl.

In der Spinnerei erhob ſich ein gewaltiger Lärm, durch das Geſchwirre und Geraſſel der Maſchinen vernahm man das Kreiſchen der Arbeiterinnen, die befehlenden Rufe der Arbeiter.

Der Fabrikant eilte hinaus, Rauchwolken quollen ihm ent⸗ gegen. Der Werkmeiſter beſann ſich nicht lange, er folgte ſeinem

Herrn, aber der lange Chriſtian konnte ſich trotz der Verwirrung

und Beſtürzung nicht enthalten, dem jugendlichen Kritiker einen derben Hieb mit auf die Reiſe zu geben.