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Polnische Mütter : historische Novelle / von M. Roskowska
Entstehung
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Reiches, der hohen Geiſtlichkeit und dem Hofe, begab ſich der König mit den Senatoren und Landboten in die Kirche zum heiligen Kreuz.

Der Ruf, welcher ſeit Jahr und Tag von Aller Lippen klang und freudig in Aller Herzen wiederhallte, der Ruf:Der König mit der Nation und die Nation mit dem König! ertönte auch heute laut und jubelnd in der Menge, und Jung und Alt ſtrömte herbei, den Zug und den König zu ſehen. Man liebte Stanislaw Auguſt früher nicht. Die Neigung der untern Volksſchichten hatte er zwar ſtets beſeſſen; ſein ſtattliches, majeſtätiſches Aeußere, ganz für einen Thron geſchaffen, ebenſo ſeine Leutſeligkeit und Herablaſſung bezauberten und feſſelten die niedern Stände. Doch auch die übrigen Klaſſen der Ge⸗ ſellſchaft, welche ihm ſonſt mißtraut hatten, glaubten jetzt an ſeine Aufrichtigkeit, und wendeten ihm ihre Theil⸗ nahme und Bewunderung zu, ſeitdem er ſich dem ruſſi⸗ ſchen Einfluß entzogen und an Preußen angeſchloſſen hatte.

Für den König war inmitten der Kirche ein Thron aufgeſchlagen, deſſen Stufen die höchſten Beamten der Krone und Litthauens, und der glänzende Hofſtaat ein⸗ nahmen. Durch Lehnſtühle, Seſſel und Bänke war für die Uebrigen geſorgt, und die größte Ordnung herrſchte über⸗ all, obgleich die Menſchenmenge Kopf an Kopf die Zu⸗ gänge der Kirche erfüllte.