Druckschrift 
Petersburg am Tage und bei Nacht. 1.-4. Bändchen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

46

ſchwarzen Locken betrachtete. Man konnte ihn keine Schön⸗ heit nennen, durchaus nicht; doch war ſein Geſicht voller Ausdruck und von anziehender Gewalt; ſeine, einzeln be⸗ trachtet ganz unregelmäßigen Züge harmonirten im En⸗ ſemble vollkommen mit einander und trugen den Stempel der Kühnheit; ſeine durchaus nicht geckenhaften Kleider waren wie angegoſſen und hatten den Anſtrich äſthetiſcher Einfachheit; ja ſelbſt die Unaufmerkſamkeit des Unbekann⸗ ten auf ſeine ganze Umgebung zeigte weder Trotz noch Frechheit, ſondern eher eine gewiſſe Unbekümmertheit, die bei ſichtbarer Charakterſtärke ein feſtes Selbſtvertrauen beurkundete und ihm ſehr gut anſtand.

„Ein ſonderbarer Beſuch,“ ſprach der Alte, als er mit den Damen allein blieb;„er hat übrigens nichts Un⸗ heilbringendes, außer dem etwa, daß ich meine liebe Schülerin verlaſſen muß,“ fügte er hinzu, ſie ſanft an⸗ blickend und ſich ſelbſt über ſeine Schmeichelei wundernd.

Doch dieſes Mal hatte Naſar Naſarowitſch das ge⸗ wöhnliche Lächeln auf ihren Lippen nicht hervorgerufen. Das Stillſchweigen dem noch dauernden Schrecken zu⸗ ſchreibend, ſetzte er hinzu:

„Fürchten Sie nichts! fürchten Sie nichts! ich hoffe, ich habe eine Dummheit begangen das heißt, alle unſere Befürchtungen ſind grundlos.

„Gebe Gott, ſprach die Alte mit einem tiefen Seuf⸗ zer, mit den Händen ihren heißen Kopf drückend.

„Thut er weh? erlauben Sie mir den Puls.. frequent!„ ich will Ihnen Tropfen ſchicken.“

Olga ſchwieg immer.

„Und Ihnen, meine Schülerin, ſchicke ich die Be⸗ ſchreibung der Gemüthsart und des Lebens der Thiere; ein herrliches Werk, arm an trockenen, verworrenen No⸗ menklaturen, die uns Alten ſelbſt überdrüſſig ſind; es wird Sie nicht langweilen. Ach, wie ich nun einmal bin,“ rief er ſcherzend aus, als ob er ſich an etwas er⸗ innerte.— Der gute Alte! Er wendete alles an, die Da⸗