welche uns obenein wenig zu wünſchen übrig gelaſſen hätte, ſelbſt wenn unſere Verlangniſſe weiter gegangen wären, ſo hatte man mir ſelten etwas abzuſchlagen; und da ich bei den Eltern wie bei den erwachſenen Geſchwiſtern der größten Zuvorkommenheit begegnete, ſo bedurfte es von meiner Seite keiner beſonders glücklichen Anlage, um mich vor der frühen Entwicklung übler Leidenſchaften zu bewahren. Meine gute Mutter rühmte es als einen Erfolg ihrer Erziehungs⸗ Methode à la Jean Jaques, daß ich zehn Jahre alt geworden ſei, ohne daß ſie je eine Unwahrheit, ohne daß ſie je eine Anwandlung von Neid, von Zorn an mir bemerkt habe. Sie glaubte ein Meiſterſtück zu vollführen, und bedachte nicht, wie ſehr ſie mich gewöhnt hatte, alles zu erlangen, was ich wünſchte, wie völlig fremd es mir war, auf irgend einen Widerſtand zu ſtoßen. Die Erziehung eines Menſchen wird aber in ſeinen erſten Lebensjahren gemacht, und die Grundzüge ſeines Characters bilden ſich eben ſo früh.
Seit ich mich erinnern konnte, hatte man in meiner Gegenwart häufig von den FPflichten geſprochen, welche Eltern für ihre Kinder, von der Verant⸗ wortlichkeit, welche ſie für das Glück derſelben hätten, und eben ſo oft hatte ich es ſagen hören, daß Jeder ſeine Wünſche nach ſeinen Anlagen zu geſtalten habe. Kinder aber ſind viel klüger, ſind viel ſchärfere Beobachter, als man glaubt, und wiſſen aus dem, was ſie vernehmen, ohne es recht zu verſtehen, ſich mit großem Egoismus die ihnen gemäßen Schlüſſe zu ziehen. Daß ich Pflichten gegen meine Eltern hätte, davon ſprach man nicht mit mir, benn ich war ein gutes Kind, und während ich mich alſo mit voller Unbefangenheit für den Mittel⸗ punct des Daſeins für meine Eltern anſah, hielt ich mich, eben weil ich ein ſo gutes, beſcheidenes Kind ſein ſollte, auch für ein beſonderes Weſen, dem einmal, wenn es erſt groß ſein würde, auch ein ganz beſonderes Schickſal und ein ganz beſonderes Glück zu Theil werden müßten.
Nach Rouſſeau's Prinzipien und nach dem Willen meiner beiden Eltern ſollten alle ihre Söhne ein Handwerk erlernen. Man meinte das ernſtlich, nahm es aber nicht ernſthaft, und die Geſchicklichkeit, welche meine Brüder ſich als Stellmacher und Schloſſer erworben hatten, wäre kaum ausreichend geweſen, ſie in einer Werkſtatt irgend wie brauchbar zu machen. Mich ließ man, da ich viel Liebe für Blumen zeigte, unter der Anleitung eines Gärtners arbeiten, und dieſe Beſchäftigung im Freien, die mir wohl gefiel, erzengte in mir ſchon in der Kindheit den Wunſch, ganz auf dem Lande zu leben. Meine Mutter war durch dieſe meine Richtung ſehr erfreut. Sie ſah auch darin eine Wirkung ihrer Erziehungs⸗Methode, welche mir den Zuſammenhang mit der Natur zum Bedürfniß gemacht, mich im Zuſammenhange mit der Natur erhalten hatte, und da mein Vater, wie faſt alle reich gewordenen Kaufleute, das Verlangen trug, einen Theil ſeines Vermögens den Wechſelfällen des Handels zu entziehen und in
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