Dreiundſiebzigſter Brief.
Hermine von Bören an Frau von Alboin.
Aus der Reſidenz, im November 18**
Kommen Sie und ſchlichten Sie, Frau von Al⸗ boin! Ich habe ſo eben einen Streit mit Bören gehabt. Der ſeltſame Mann will mir nicht zuge⸗ ben, daß wahre Liebe keine Eiferſucht kennen muß. Er ſteht erhitzt von unſerm Zweigeſpräch am Fen⸗ ſter, und malt Hieroglyphen auf die angelaufenen Glasſcheiben; ich habe mich ihm zur Strafe indeß an den Schreibtiſch geſetzt, und will Ihnen nun die Sache in aller Ruhe vortragen.
„Wahre Liebe iſt auf Vertrauen gegründet!“ „„Ganz recht!““ ſagt der Mann, und ſchneidet dabei ein Geſicht, als ſchluckte er eine Pille hin⸗ unter.—„Wo Vertrauen iſt“, fahre ich fort,„da kommt das kleine Unkraut, der Zweifel und Miß⸗ verſtändniſſe nicht auf, denn jenes erweitert das Herz, dieſes aber gedeihet allein, in unumnebelter


