Teil eines Werkes 
4.-6. Bdchn (1847)
Entstehung
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Augenblick an blieb meine innige warme Verehrung für das Jugendbild tief in meiner Seele begraben, und ſo wäre es wahrſcheinlich immer geblieben, wenn ſich nicht das lebendige Original dieſes Bildes ſelbſt einmal vor meine leiblichen Augen geſtellt hätte. Ja, Amalie, dieſes jugendliche Bild ſteht verwirklicht, lebendig, mit ſprechendem Auge, wenn auch ſchweigendem Munde, mit pochendem Herzen und einer von warmem Gefühl belebten Seele vor mir, und ich glaube mich keiner Treuloſigkeit gegen den Abgeſchiedenen ſchuldig zu machen, wenn ich dem Jungen alles das gebe, was ich an jugendlicher, lebendiger, warmer Liebe ſo gern dem Alten gegeben hätte. Nur ſein Andenken iſt es ja, was ich in jedem Blick dieſes Jünglings feire, der ſeit meinem vierzehnten Jahre in meinem Herzen

heimiſch geweſen. Sag, Amalie, ſage mir, glaubſt Du

nicht, daß es ſowohl des Himmels als meines verklärten Mannes Wille iſt, wenn ich den Traum gegen die Wirk⸗ lichkeit vertauſche? Oh, ſage ja, theuerſte Freundin! Glaube wie ich, daß Alles dieſen Schritt zu gebieten ſcheint: das Schickſal, die Dankbarkeit, mein eigenes Herz, Eduard, Julchen, die ganze Natur, Alles, Alles ſcheint mir zuzurufen, daß ich Recht thue. Selbſt dieſes Teſtament ſpricht es ja ſo deutlich aus. Er liebte mich ja ſo un⸗ ausſprechlich, und eben deßhalb ſtellte er es ſo, damit es blos ein einziges Mittel geben könnte, mich vollkommen glücklich und die Reichthümer, die er mir hinterlaſſen, für mich genußreich zu machen. Oh, ich ſehe in dem Allem Gottes Finger, und meines Mannes Willen und ich warte jetzt nur auf Deine Antwort, um frohen Herzens zu ſein und ein federleichtes Gewiſſen zu bekommen.

Und dieſe Antwort kam bald und enthielt die voll⸗ kommenſte Bekräftigung alles deſſen, was Liana ſelbſt Skizzen von Frau A. von Knorring. II. 5