Teil eines Werkes 
1. Th., 2. Bdchn (1830)
Entstehung
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Bittenden rufen und anhoͤren, oder hoͤret ſie, wenn die Sache wichtig iſt, wohl ſelbſt an.

XIX. Von Gerichten und Strafen.

Die Gerichtsordnung der Habeſſinier iſt hoͤchſt einfach: denn die Prozeſſe werden ohne Foͤrmlichkeiten und Schreibereien blos muͤndlich gefuͤhrt. Zeugen aufzufuͤhren iſt erlaubt, ſie als verdaͤchtig zu verſchla⸗ gen, ebenfalls; allein die meiſten Zeugen werden nur obenhin verhoͤrt, und da muß denn das Recht und die Unſchuld oft unterliegen. Berufungen an hoͤhere Ent⸗ ſcheidungen finden ſehr ſelten ſtatt einmal wegen der Beſchwerlichkeit und Koſtſpieligkeit der Reiſen an den Hof, dann weil man ſelten einen beſſeren Spruch zu hoffen hat. Zudem will man lieber den Prozeß, als die Gunſt der Provineial⸗Richter verlieren, was durch Berufungen gewoͤhnlich der Fall iſt. Nicht ſel⸗ ten ſchlagen die Richter, durch Gunſt und Beſtechun⸗ gen bewogen, Proceſſe nieder. Ein ſolches Verfahren iſt auch in Habeſſinien keine Schande und wird mit dem Namen Gelindigkeit bezeichnet.

Gewoͤhnlichere Strafen ſind: Enthauptung, Haͤn⸗ gen, Steinigung, Geißelung, Verweiſung. Moͤrder werden den Anverwandten des Ermordeten zur will⸗ kuͤhrlichen Beſtrafung ausgeliefert. Das Molaiſche: Auge um Auge Zahn um Zahn ꝛc. gilt zum Theile noch in Habeſſinien.