Teil eines Werkes 
3. Bd. (1857)
Entstehung
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kendes Bewußtſein ihrer Nähe, ohne die geringſte Bei⸗

miſchung irdiſcher, eitler oder kecker Wünſche. Die Ent⸗

fernung von ſeiner im Schmutze des Lebens befleckten Perſönlichkeit bis zu ihr, die ihm ein Vorbild kindlicher Unſchuld und Reinheit erſchien, dünkte ihn ſo weit, daß ein Gedanke an Annäherung nicht in ihm aufſteigen konnte. Wenn ſie ihn anſah, was allerdings bisweilen geſchehen mochte, ſchlug er beſchämt die Augen zu Boden, aber auch dann empfand er den beſeligenden Zauber der ihrigen, bis tief in die innerſte Seele. Dann zitter⸗

ten die Töne ſeines Inſtrumentes wunderbar, und er

legte in die leichten, tauſendmal geſpielten Tanzweiſen einen Ausdruck, wie noch kein Muſtkant gethan, der je vor ihm aufgeſpielt hat.

Wenn man ſich mit allen Kräften, Erwartungen, mit aller Sehnſucht auf eine beſtimmte Stunde richtet, die wöchentlich nur zweimal ſchlägt; wenn man in dieſe ſechzig Minuten eine ganze Welt von Bewunderung, Verehrung, Begeiſterung, Entzückung und Entſa⸗ gung zu drängen weiß; wenn man die übrigen Tage der Woche nur als Ergebniß leerer Stunden und Minuten betrachtet, die lediglich zu verrinnen haben, damit jene eine Stunde bald wieder erſcheine..... dann ſollte Jeder glauben, der etwas Aehnliches noch nicht durchgemacht, müſſe dem ungeduldig Harrenden die Zeit fürchterlich lang werden!? Merkwürdig, dem iſt nicht ſo. Niemals verfliegen die Tage raſcher, als in ſolchem Zuſtande. Es iſt, wie wenn auch die Zeit, vom Fieber des Patienten angeſteckt, ihren Pulsſchlag mit dem ſeinen verdoppelte,