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„Der Samſtag, an welchem man unſere Arbeiten
gewöhnlich cenſirte, erſchien endlich. So oft dieſer Tag ſonſt erſchienen war, war er mir ein Tag des Unglücks geweſen. Gewöhnlich ſchlich ich da mit Herzklopfen zur Schule, denn ich durfte gewiß ſein, wegen ſchlechter Arbeit getadelt, öffentlich geſchmäht zu werden. Aber wie viel ſtolzer trat ich heute auf, ich hatte meinen beſten Rock angezogen, den ſchönſten, feingeſtickten Hemd⸗ kragen angelegt, mein wallendes Haar war zierlich ge⸗ ſcheitelt und gelockt, ich ſah ſtattlich aus und geſtand mir, ich ſei auch im Außern des Preiſes nicht unwürdig, welcher mir heute zu Theil werden ſollte.
„Der Rektor fing an, die Aufſätze zu eenſiren. Wie ärmliche, obſeure Helden hatten ſich meine Mitſchüler gewählt: Hermann, Karl den Großen, Kaiſer Hein⸗ rich, Luther und dergleichen— er ging viele durch, immer kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja es war offenbar, meine Helden hatte er auf die Letzt aufgeſpart als die beſten!
„Endlich ruhte er einige Augenblicke, räuſperte ſich und nahm ein Heft mit roſenfarber überdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte laut vor Freude, ich fühlte, wie ſich mein Mund zu einem trium⸗ phirenden Lächeln verziehen wollte, aber ich gab mir Mühe, beſcheiden bei dem Lob auszuſehen. Der Rektor begann:„„Und nun komme ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich will einige Stellen daraus vorleſen!““ Er deklamirte mit unge⸗ meinem Pathos gerade jene Kraftſtellen, welche ich mit
ſo großer Begeiſterung niedergeſchrieben hatte. Ein


