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„Ich ſaß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräiſche Bibel und die griechiſchen Unregel⸗ mäßigen vor mir liegen und auf ihnen meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heiße Thränen ge⸗ weint, und durch die Jalouſieen in den Garten hinab⸗ geſchaut; denn die zuchtloſe Jungfrau ſollte meinen Jammer nicht erſchauen, ſie ſollte den Kampf zwiſchen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz leſen. Ich war feſt überzeugt, daß ſo unglücklich wie ich kein Menſch mehr ſein könne, und höchſtens der unglückliche Otto von Trautwangen, als er in Frankreich mit ſei⸗ nem vernünftigen, lichtbraunen Rößlein eine Höhle bewohnte, konnte vielleicht ſo kummervoll geweſen ſein wie ich.
„Aber das Maß meiner Leiden war nicht voll; hören Sie, wie aus entwölkter Höhe mich ein zweiter Donner traff.
„Der alte Rektor hatte ſeinen Schülern ein Thema zu einem Aufſatz gegeben, worin wir die Frage beant⸗ worten ſollten, wen wir für den größten Mann Deutſchlands halten? Es ſollte ſein Werth ge⸗ ſchichtlich nachgewieſen, Gründe für und wider angege⸗ ben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht wer⸗ den. Ich hatte, wie ich Ihnen ſchon bemerkt habe, meine Herren, immer einen harten Kopf, und Auf⸗ ſätze mit Gründen waren mir von jeher zuwider gewe⸗ ſen, ich hatte alſo auch immer mittelmäßige oder ſchlechte Arbeit geliefert. Aber für dieſe Arbeit war ich ganz begeiſtert, ich fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die großen Männer meines Vater⸗


