Teil eines Werkes 
12. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

140

Viele behaupteten ihn geſehen zu haben, und die Mäd⸗ chen und Weiber fingen an ſich zu fürchten. Meine Schweſter aber, ein Mädchen von ſechzehn Jahren, wollte klüger ſein als die Andern, und ſagte:Das glaube ich Alles nicht; wer einmal todt iſt, kommt nicht wieder! Sie ſagte es, aber leider ohne überzeugung, denn ſie hatte ſich oft ſchon gefürchtet. Da ſagte einer von den jungen Leuten:Wenn Du dies glaubſt, ſo wirſt Du Dich auch nicht vor ihm fürchten; ſein Grab iſt nur zwei Schritte von Käthchens, die letzthin geſtor⸗ ben. Wage es einmal, gehe hin auf den Kirchhof, brich von Käthchens Grab eine Blume und bringe ſie uns, ſo wollen wir glauben, daß Du Dich vor dem Krämer nicht fürchteſt!

Meine Schweſter ſchämte ſich, von den Andern verlacht zu werden, darum ſagte ſie:Ol das iſt mir ein Leichtes; was wollt Ihr denn für eine Blume?

Es blüht im ganzen Dorf keine weiße Roſe, als dort; darum bring' uns einen Strauß von dieſen, antwortete eine ihrer Freundinnen. Sie ſtand auf und ging, und alle Männer lobten ihren Muth, aber die Frauen ſchüttelten den Kopf und ſagten:Wenn es nur gut abläuft! Meine Schweſter ging dem Kirch⸗ hof zu: der Mond ſchien hell, und ſie fing an zu ſchau⸗ dern, als es zwölf Uhr ſchlug und ſie die Kirchhofpforte öffnete.

Sie ſtieg über manchen Grabhügel hinweg, den ſie kannte, und ihr Herz wurde bange und immer banger, je näher ſie zu Käthchens weißen Roſen und zum Grab des geſpenſtigen Krämers kam.