177
Entwickelung iſt leicht, beſonders wenn man es ſich ſo leicht macht, wie dieſer Hüon und nur genugſam Flos⸗ keln eingeſtreut ſind; wenn das Thränentuch häufig als Panier aufgepflanzt wird, ſo kann der Eindruck nicht verfehlt werden.“
„Und doch däucht mir,“ erwiderte Palvi,„es iſt bei weitem ſchwerer, einen Roman zu dichten, der den Forderungen einer wahren vernünftigen und billigen Kritik entſpricht, als ein Drama zu ſchreiben.“
„Und was nennen Sie denn eine vernünftige und billige Kritik, Herr Referendarius?“ fragte Doktor Zundler mit ungemein klugem und ſpöttiſchem Geſicht.
„Man muß ein Buch,“ erwiderte Palvi mit großer Ruhe,„man muß beſonders ein Gedicht zuerſt nach den Empfindungen beurtheilen, die es in uns hervorruft, denn auf Gefühl iſt ja ein ſolches Werk berechnet; es ſoll angenehm unterhalten, durch den Wechſel freudiger und wehmüthiger Scenen befriedigen. Und dann erſt, wenn unſer Herz darüber entſchieden hat, daß das Buch ein ſolches ſei, das unſere Gefühle erhoben, befriedigt hat, dann erſt erlaube man dem Verſtand, ſein Urtheil darüber zu fällen, und ihm bleibt es übrig, nachzuweiſen, was in Anordnung oder Styl gefehlt iſt.“
„Da müßte man am Ende alle Herzen abſtimmen laſſen,“ ſagte der Hofrath mitleidig lächelnd,„müßte umherfragen: hat's gefallen oder nicht? ehe man ein öffentliches Urtheil fällt. Aber dem iſt nicht ſo; unſere Journale waren es von jeher, denen zu loben oder zu verdammen zuſtand, und der gebildete, geläuterte Ge⸗ ſchmack iſt es, der dort richtet.“
W. Hauffs Werke, III. 42


