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Beherrſcherin des Rheinſtroms, die Königin Lilio, reſidirt. Dieſe ſaß gerade unter ihren Jungfrauen und freute ſich bei Spiel und Geſang.
Weil nun die Königin ein ſo unſchuldvolles freundliches Ausſehen
hatte, faßte ſich der todte Menſch ein Herz, umſchlang ihre Füße, in⸗
dem er ſeine traurige Geſchichte erzählte. Lilio ward gerührt und be⸗ rieth ſich mit ihrem Geheimerath, einem Doctor vom Laacher See, der ſehr gelehrt war, wie dem Unglücklichen zu helfen ſei, wie man ihm Ruhe geben könne, ohne der höheren Beſtimmung, die ihn zum
Umherwundern verdammt, entgegen zu wirken. Der Doctor, ſo viel
er auch ſtudirt hatte, wußte hier nicht zu helfen, bis die Königin,
welche ein Frauenzimmer war, etwas erdachte, wodurch ſie ſogar das
Schickſal überliſtete. Der Duft der Waſſerroſen ſenkte den Armen in einen
tiefen erquickenden Schlaf. Er lag ſo weich auf kühlem Mooſe in einem
Gewölbe von grünem Eryſtall und die Königin ſprach zum Doctor
von Laach: Doctor, ſteigen Sie auf die Erde und ſuchen Sie da
irgend einen Schriftſteller, dem es augenblicklich an Stoff zu einem
Phantaſieſtücke mangelt und der doch gern etwas ſchreiben möchte.
Flüſtern Sie ihm, wenn er ſchläft oder träumt die Geſchichte des
todten Menſchen in's Ohr und treiben ihn beſtändig an, dieſelbe nie⸗
derzuſchreiben. Sie verſtehen mich. Alsdann wandert jener, wenn auch nur auf Druckpapier, über die Erde und kann doch hierunten ruhig ſchlafen.“ Die Königin hatte ein ſo ſchönes mitleidiges Herz.
4 Aber der Doctor von Laach tauchte aus dem Rheine und legte
ſich an mein Ohr, und flüſterte mir, was ich hier mitgetheilt, Tag
und Nacht zu. Wollt' ich an etwas Anderem arbeiten, mein Wille half nichts. Ich war von einem Waſſergeiſte beſeſſen und mußte ſchreiben, was er befahl. Deßwegen waſche ich über die etwaigen
Fehler in meiner Geſchichte vom todten Menſchen und den vier Königen
meine Hände in Unſchuld und ſchiebe Alles auf den Geheimen Rath
der Königin Lilio.
In der vergangenen Nacht, nachdem ich noch ſpät die letzten Sei⸗ ten geſchrieben, erſchien er mir wieder und bedankte ſich mit einer tiefen Verbeugung.„Aber Theuerſter,“ ſprach ich im Schlaf,„was iſt denn aus den vier Königin geworden?“ Er antwortete lächelnd: „Ihre Majeſtät, unſere luſtige Königin, hat ſie in ihren Hofſtaat auf⸗ genommen. Sie verlangen nicht zurück auf die Erde, der Herr von
4 Eckſtein hat dem Prinzen Pips den Spaß in der Kneipe zum ſtillen
Vergnügen vergeben und trinkt entweder mit ihm und den Fürſten
von der Moſel und dem Grafen von Walportheim in einer Laube
von Cryſtall und Lotusblumen, oder ſie gehen zuſammen auf die
Jagd.“—
„Und was macht Treff⸗König?“ fragte ich.
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