302 Der Künſtlerhof von Granada.
Da Rafael ſchon einige Tage in Marſeille war, ſo wußte er allerdings einen ſolchen Ort auf dem Wege nach Notre Dame de la Garde, eine kleine Kneipe, wie ſie ein deutſcher Künſtler nur wünſchen mochte: auf den Felſen gelegen, die hier ſteil in's Meer abfallen, war das ein kleines Häuschen mit einer Veranda aus rohen Baumſtämmen, welche durch eine gewaltige Weinrebe zur dichten und kühlen Laube umgeſtaltet war. Da ſaßen die Beiden an einem roh gezimmerten Tiſche, der aber mit weißem Brode, ſaftigem Schinken, vortrefflichem Käſe und dunkelrothem Weine be⸗ ſetzt war, wurden angehaucht von dem kühlen Seewinde, vernahmen das einförmige und ſo beruhigende Anſchlagen der Meereswellen an den Felſen drunten und ſahen vor ſich die dunkelblaue Salzflut mit aus⸗ und einfahrenden Schiffen bedeckt: ſchwarzen Dampfern, die, wie Seeungeheuer tief die Wellen furchend, unaufhaltſam ihren Weg verfolgten, während kleinere Boote mit leuchtend weißen Segeln gleich Möven über das Waſſer dahin zu fliegen ſchienen. Dort lag das maleriſche Chateau d'If und Ratonneau, links zogen die hellen Felſen an der Küſte gen Italien zu und rechts über La Joliette hinaus verſchwammen die Ufer in weicheren Formen in der Rich⸗ tung gen Spanien.
„Dorthin fahren wir morgen Abend,“ ſagte Rafael.— Das war aber auch Alles, was von den Beiden heute bei dieſem erſten Wiederſehen über ihr gemeinſchaftliches Reiſeziel geſprochen wurde,
Ihre Gedanken folgten nicht den Augen, denn während dieſe entzückt im Anblicke jenes prachtvollen Seegemäldes ſchwelgten, flogen jene nach der Heimat zurück und verſenkten ſich dort in enge, ſchattige Straßen, in ſtille deutſche Häuſer, beſchäftigten ſich mit vergangenen Tagen und mit Freunden, die ihrem Geſichtssiſe entſchwunden.
„Und Rüding?“ fragte Walter.
„Hat ſich lange gegen die Feſſeln der Ehe gewehrt, iſt ihnen aber endlich im vollen Sinne des Wortes verfallen: ſeine Gattin, eine ältere Witwe, ſchnitt ihm das Lockenhaar ab, worauf er ſo


