Druckschrift 
Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
Einzelbild herunterladen

438

Sylburg verſtummte; aber ſeine Miene, ſein ganzes Weſen ſprach deutlicher, als Worte, die grenzenloſe Verlegenheit und Wuth aus, in die ihn dieſer Fall verſetzte. So nahe am Ziele, ſah er nicht nur plötzlich ſeine letzte Bf auf Charlottens Wiedergewinn vernichtet, ſondern ſich auch noch obendrein durch den Dienſteifer eines obſcuren Landbeamten einem offenbaren Schimpfe ausgeſetzt, wenn es ihm nicht gelang, ſeine Anweſenheit in dieſem verrufenen Hauſe zu erklären. Nach kurzem Beſinnen entſchloß er ſich daher, einen letzten Verſuch zu wagen und an die romantiſche Gefühlsſeite des ſtrengen Geſetz⸗ vollſtreckers zu appelliren. Er nahm ihn darum auf die Seite und bekannte ihm, daß eine Liebſchaft mit einem jungen Frauenzimmer aus gutem Hauſe ihn hierher geführt habe, und daß ein mit dieſer Dame verabredetes Rendezvous die einzige Urſache ſeines Verweilens in der Haideſchenke wäre.

Das Gericht fragt nicht nach ſolchen intimen Beziehungen, mein Herr, es fragt nur nach dem Paß, entgegnete der Amtmann mit einer Miene, in der jeder Zug ein Geſetzesparagraph ſchien. Aber, fuhr er nach kurzem Nachſinnen fort und fixirte dabei den Baron ſcharf; es wohnen ja viele adelige Herrſchaften in der Nähe; als Edelmann kennen Sie wohl eine oder die andere der hier angeſeſſenen Familien von Diſtinction?

War es nun ſeine Beſtürzung bei dieſer Frage, war es ſeine Rathloſigkeit, genug, der Baron verlor ſeine letzte Faſſung und ge⸗ rieth mit einmal in die heftigſte Leidenſchaft. Er tobte, fluchte, ſtampfte den Boden mit den Füßen und überſchritt zuletzt ſo ſehr alles Maaß der Schicklichkeit und Klugheit, daß er dem Beamten Dinge in's Geſicht ſagte, die dieſer unter andern Umſtänden gewiß nicht mit ſolchem Gleichmuth hingenommen haben würde, wie er wirk⸗ lich that. Denn ruhig ließ er ihn austoben, veränderte bei den Wuthausbrüchen Sylburg's keine Miene, und benahm ſich in Allem

wie ein Mann, den weder Schmeicheleien, noch Beleidigungen in ſei⸗ ner Berufspflicht irre machen können. Und als jetzt der Baron auf

Cavaliersparole betheuerte, er werde ſich nicht wie ein gemeiner Ver⸗ brecher behandeln und arretiren laſſen, war der Wandsbecker Amt⸗ mann ſo zuvorkommend, daß er ihn plöͤtzlich ganz treuherzig verſicherte, daran denke ja auch kein Menſch, ſofern nur der angebliche Herr