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Bürger : ein deutsches Dichterleben / Roman von Otto Müller
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Wort und Geſang, wer das Herz der Menſchen rühren und entzünden für alles Hohe und Herrliche, wenn der Einzige, der dies vermag, wenn der Dichter treulos von ſeiner Begeiſterung abfällt, und der Gunſt der Himmliſchen, die ihn doch auf die ſonnigen Höhen dieſes Lebens rief, muthlos wie ein Flüchtling den Rücken zuwendet?

Bürger blickte voll Staunens auf die ſchöne, ſtrenge Richterin, die ihm mit ihren ſechzehn Jahren ſo ſcharf und eindringlich in's Gewiſſen redete. Nie war ſie ihm rei⸗ zender erſchienen, als in dieſem Pathos einer Begeiſterung, die, das wußte er, aus ſeiner Seele in die Verwandte übergeklungen und ihm nun in Molly's Worten wie die Mahnung ſeines eignen Genius widerhallte. Er ſelbſt hatte ſie ja gelehrt, ihm zu grollen wegen ſeines Klein⸗ muths, ſeiner Thatloſigkeit; und die Macht, die er ſo lange auf ihr Innerſtes ausgeübt hatte, kehrte ſich nun mit Einmal gegen ihn; er fühlte, daß das liebliche Mäd⸗ chen, dem in ſeiner Nähe früh das helle Auge des Be⸗ wußtſeyns aufgegangen war, ihm ſein tiefſtes Leiden abge⸗ lauſcht und ſich ſeiner innerſten Empſindung bemächtigt hatte. Das einfache Kind vom Land erkannte ihn und ſeine Zukunft beſſer, als er ſelbſt, als ſeine Freunde; und Bürger ergriff mit ſchneller Hand das Heil, das ihm aus dieſer Betrachtung empor blühte.

Bei Gott! du haſt recht, Mädchen! rief Bürger auf das freudigſte erſchüttert.Aber wer ſagt Einem auch ſo was blank und ehrlich heraus, ſo lang es noch Zeit iſt! Die beſten Freunde ſind in dieſem Punkt der Aufrichtig⸗ keit unſere ſchlimmſten Feinde; und ſtatt uns zur guten Stunde die herbe Pille der Wahrheit ſchlucken zu laſſen, balſamiren ſie unſere Selbſtlüge in Weihrauch, und der bequeme Unſterblichkeits⸗Candidat glaubt ihnen auf's Wort,