Erſter Theil. 251
„Aber, die Tugend, die ſich nur Freuden zu ſchaffen, nur das Leben ſich zu verſchoͤ⸗ nern ſucht, hat mehr Reitz als Wuͤrde, iſt, genau genommen, nur Lebensweis⸗
heit.“ Ich gebe das zu; aber, liebe Men⸗
ſchen, laßt uns nur dieſe Lebensweisheit erſt zu erwerben ſuchen, und gewiß wir werden mit ihr auf den Weg kommen, der zum Tem⸗ pel der goͤttlichen Tugend fuͤhrt, und ſie, die uns erſt liebenswuͤrdig ward, wird uns deſto anbetungswuͤrdiger werden.——*)
Tugend erfordert Kampf! Aber man denkt ſich gewiß auch oft das Tugendhafthan⸗ deln ſchwerer als es iſt, und unrichtig, wenn man nur große auffallende Thaten, nur Heldentugenden— wozu die Gelegenheit ſich nur ſelten zeigt— dazu fordert. Erfuͤllung unſrer Pflichten, wie ſie im alltaͤglichen Men⸗ ſchenleben vorkommen, auch das iſt Tugend, und oft mehr werth als einzelne große Thaten,
*0 Vergleiche im zweyten Theile das Kapitel: Ueber Tugend und Lebensweisheit.


