Teil eines Werkes 
7. Bd. (1815)
Entstehung
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Im Abendthau, vom Einfluß dunkler Horen, Ward einſt ein Wunderbluͤmchen uns geboren, Das farbelos, wie wir, und von uns ungetrennt, Das Raͤthſel mit drei Sylben nennt.

Verkannt, wie ich, die ich nur dann gefalle, Wenn ich im goldgeſtickten Mantel walle,

Und mit dem Diadem im finſtern Haar Mich als Monarchin ſtelle dar

Verkannt, wie ich, entblößt von allem Reize, Im Dunkeln bluͤht's, und haͤlt mit frommen Geize Den Ambraduft, den ſeine Bruſt verwahrt,

Fuͤr mich und meine Freunde aufgeſpart.

Dicht neben meinem Liebling bluͤht die Roſe, Die Nelke blüht: doch ſeinem zarten Schooße Entquillt ein ſuͤßrer Opferduft;

Neidlos durchwuͤrzt es ihre Luft.

So bluͤht des Dichters Freundin in der Stille, Und ihrer Thaten reine Himmelsfuͤlle, Und was ſie wirkt mit ſtill verborgner Hand, Wird ſchoͤnern Schweſtern zuerkannt!