Leiden des jungen Werther's. 23
Ich ſah manchen, der in Hoffnung auf ein ſaftiges Pfand ſein Mäulchen ſpitzte, und ſeine Glieder reckte.— Wir ſpie⸗ len Zählens, ſagte ſie. Nun gebt Acht! Ich geh' im Kreiſe herum von der Rechten zur Linken, und ſo zählt ihr auch rings herum, jeder die Zahl, die an ihn kommt, und das muß gehen wie ein Lauffeuer, und wer ſtockt oder ſich irrt, kriegt eine Ohrfeige, und ſo bis tauſend.— Nun war das luſtig anzuſehen. Sie ging mit ausgeſtrecktem Arm im Kreiſe herum. Eins fing der erſte an, der Nachbar zwei, drei der folgende, und ſo fort. Dann fing ſie an, geſchwin⸗ der zu gehen, immer geſchwinder; da verſah's einer, patſch! eine Ohrfeige, und über das Gelächter der folgende auch patſch! und immer geſchwinder. Ich ſelbſt kriegte zwei Maul⸗ ſchellen, und glaubte mit innigem Vergnügen zu bemerken, daß ſie ſtärker ſeien, als ſie ſie den übrigen zuzumeſſen pflegte. Ein allgemeines Gelächter und Geſchwärm endigte das Spiel, ehe noch das Tauſend ausgezählt war. Die Vertrauteſten zogen einander bei Seite; das Gewitter war vorüber, und ich folgte Lotten in den Saal. Unterwegs ſagte ſie: Ueber die Ohrfeigen haben ſie Wetter und alles vergeſſen!— Ich konnte ihr nichts antworten.— Ich war, fuhr ſie fort, eine der furchtſamſten, und indem ich mich herzhaft ſtellte, um den anderen Muth zu geben, bin ich muthig geworden.— Wir traten an's Fenſter. Es donnerte abſeitwärts, und der herrliche Regen ſäuſelte auf das Land, und der erquickendſte Wohlgeruch ſtieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie ſtand, auf ihren Ellenbogen geſtützt; ihr Blick durchdrang die Gegend, ſie ſah gen Him⸗ mel und auf mich; ich ſah ihr Auge thrännevoll, ſie legte ihre Hand auf die meinige, und ſagte: Klopſtock!— Ich erinnerte mich ſogleich der herrlichen Ode, die ihr in Ge⸗ danken lag, und verſank in dem Strome von Empfindun⸗ gen, den ſie in dieſer Loſung über mich ausgoß. Ich er⸗ trug's nicht, neigte mich auf ihre Hand, und küßte ſie unter den wonnevollſten Thränen, und ſah nach ihrem Auge wie⸗ der.— Sdler! hätteſt du deine Vergötterung in dieſem Blicke geſehen, und möchte ich nun deinen ſo oft entweihten Na⸗ men nie wieder nennen hören!


