Leiden des jungen Werther's. 17
rings am Horizonte zuſammenzuziehen ſchien. Ich täuſchte ihre Furcht mit anmaßlicher Wetterkunde, ob mir gleich
ſelbſt zu ahnen anfing, unſere Luſtbarkeit werde einen Stoß
leiden. Ich war ausgeſtiegen, und eine Magd, die an's Thor
kam, bat uns, einen Augenblick zu verziehen; Mamſell Lott⸗
chen würde gleich kommen. Ich ging durch den Hof nach
dem wohlgebauten Hauſe, und da ich die vorliegende Treppe hinaufgeſtiegen war, und in die Thür trat, fiel mir das
reizendſte Schauſpiel in die Augen, das ich je geſehen habe. In dem Vorſaale wimmelten ſechs Kinder, von eilf zu zwei Jahren, um ein Mädchen von ſchöner Geſtalt, mittlerer Größe, die ein ſimples weißes Kleid mit blaßrothen Schleifen an Arm und Bruſt anhatte.— Sie hielt ein ſchwarzes Brod,
und ſchnitt ihren Kleinen rings herum jedem ſein Stück
nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mit ſolcher Freundlichkeit, und jedes rufte ſo ungekünſtelt ſein: Danke! indem es mit den kleinen Händchen lange in die Höhe gereicht hatte, ehe es noch abgeſchnitten war, und nun mit ſeinem Abendbrode vergnügt entweder wegſprang oder, nach ſeinem ſtillern Charakter, gelaſſen davon ging, nach dem Hofthore zu, um die Fremden und die Kutſche zu ſehen, darinnen ihre Lotte wegfahren ſollte.— Ich bitte m Vergebung, ſagte ſie, daß ich Sie herein bemühe, und ie Frauenzimmer warten laſſe. Ueber dem Anziehen und allerlei Beſtellungen für's Haus in meiner Abweſenheit habe ich vergeſſen, meinen Kindern ihr Veſperbrod zu geben, und ſie wollen von Niemand Brod geſchnitten haben als von mir.— Ich machte ihr ein unbedeutendes Compliment; meine ganze Seele ruhte auf der Geſtalt, dem Tone, dem Betragen: und ich hatte eben Zeit, mich von der Ueberra⸗ ſchung zu erholen, als ſie in die Stube lief, ihre Hand⸗ ſchuhe und den Fächer zu holen. Die Kleinen ſahen mich in einiger Entfernung ſo von der Seite an, und ich ging auf das Jüngſte los, das ein Kind von der glücklichſten Geſichtsbildung war. Es zog ſich zurück, als eben Lotte zur Thüre herauskam, und ſagte: Louis, gieb dem Herrn Vet⸗ ter eine Hand! Das that der Knabe ſehr freimüthig, und ich konnte mich nicht enthalten, ihn, ungeachtet ſeines klei⸗ 2


