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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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Leiden des jungen Werther's. 11

und leſe meinen Homer. Das erſtemal, als ich durch einen Zufall an einem ſchönen Nachmittage unter die Linden kam, fand ich das Plätzchen ſo einſam. Es war alles im Felde; nur ein Knabe von ungefähr vier Jahren ſaß an der Erde, und hielt ein anderes, etwa halbjähriges, vor ihm zwiſchen ſeinen Füßen ſitzendes Kind mit beiden Armen wider ſeine Bruſt, ſo daß er ihm zu einer Art von Seſſel diente, und ungeachtet der Munterkeit, womit er aus ſeinen ſchwarzen Augen herumſchaute, ganz ruhig ſaß. Mich vergnügte der Anblick: ich ſetzte mich auf einen Pflug, der gegenüber ſtand, und zeichnete die brüderliche Stellung mit vielem Ergötzen. Ich fügte den nächſten Zaun, ein Scheunenthor und einige gebrochene Wagenräder bei, alles, wie es hinter einander ſtand, und fand nach Verlauf einer Stunde, daß ich eine wohl geordnete, ſehr intereſſante Zeichnung verfertiget hatte, ohne das mindeſte von dem Meinen hinzuzuthun. Das be⸗ ſtärkte mich in meinem Vorſatze, mich künftig allein an die Natur zu halten. Sie allein iſt unendlich reich, und ſie allein bildet den großen Künſtler. Man kann zum Vor⸗ theile der Regeln viel ſagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Geſellſchaft ſagen kann. Ein Menſch, der

ſich nach ihnen bildet, wird nie etwas Abgeſchmacktes und

Schlechtes hervorbringen, wie einer, der ſich durch Geſetze und Wohlſtand modeln läßt, nie ein unerträglicher Nach⸗ bar, nie ein merkwürdiger Böſewicht werden kann; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede, was man wolle, das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck der⸗ ſelben zerſtören! Sag du, das iſt zu hart! ſie ſchränkt nur ein, beſchneidet die geilen Reben ꝛc. Guter Freund, ſoll ich dir ein Gleichniß geben? Es iſt damit, wie mit der Liebe. Ein junges Herz hängt ganz an einem Mädchen, bringt alle Stunden ſeines Tages bei ihr zu, verſchwendet alle ſeine Kräfte, all ſein Vermögen, um ihr jeden Augen⸗ blick auszudrücken, daß er ſich ganz ihr hingiebt. Und da käme ein Philiſter, ein Mann, der in einem öffentlichen Amte ſteht, und ſagte zu ihm: Feiner junger Herr! Lieben iſt menſchlich; nur müßt ihr menſchlich lieben! Theilet eure Stunden ein, die einen zur Arbeit, und die Erholungs⸗ ſtunden widmet eurem Mädchen. Berechnet euer Vermögen,