Was ich von der Geſchichte des armen Werther's nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß geſammelt, und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir's danken werdet. Ihr könnt ſeinem Geiſt und ſeinem Charakter eure Bewun⸗ derung und Liebe, ſeinem Schickſale eure Thränen nicht ver⸗ agen. ſas Und du, gute Seele, die du eben den Drang fühlſt wie er, ſchöpfe Troſt aus ſeinem Leiden, und laß das Büchlein deinen Freund ſein, wenn du aus Geſchick oder eigener Schuld keinen nähern finden kannſt!
Erſtes Buch. . Am 4. Mai.
Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Beſter Freund, was iſt das Herz des Menſchen! Dich zu verlaſſen, den ich ſo liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu ſein!
Ich weiß, du verzeihſt mir's. Waren nicht meine übrigen
Verbindungen recht ausgeſucht vom Schickſal, um ein Herz wie das meinige zu ängſtigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unſchuldig. Konntz ich dafür, daß, während die eigenſinnigen Reize ihrer Schweſter mir eine angenehme Unterhaltung verſchafften, daß eine Leidenſchaft in dem ar⸗ men Herzen ſich bildete? Und doch— bin ich ganz un⸗ ſchuldig? Hab' ich nicht ihre Empfindungen genährt? hab ich mich nicht an den ganz wahren Ausdrücken der Natur, die uns ſo oft zu lachen machten, ſo wenig lächerlich ſie waren, ſelbſt ergötzt? hab' ich nicht— O, was iſt der Menſch, daß er über ſich klagen darf! Ich will, lieber Freund, ich verſpreche dir's, ich will mich beſſern, will nicht mehr ein bischen Uebel, das uns das Schickſal vorlegt, wieder⸗
käuen, wie ich's immer gethan habe; ich will das Gegen⸗
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wärtige genießen, und das Vergangene ſoll mir vergangen ſein. Gewiß, du haſt Recht, Beſter, der Schmerzen wären minder unter den Menſchen, wenn ſie nicht Gott weiß, warum ſie ſo gemacht ſind!— mit ſo viel Emſigkeit der Einbildungskraft ſich beſchäftigten, die Erinnerungen des
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