238 1 Anquetil du Perron.
fort, bei Utrecht; aber Anquetil neigte ſich beſonders zum Hebräͤi⸗ ſchen, ſeinen Dialekten, und zum Perſiſchen. Die Bitten des Prä⸗ laten konnten ihn nicht mehr in Amersfort halten, als dort nichts mehr für ihn zu lernen war. Er kam wieder nach Paris, und ſein Fleiß auf der Bibliothek wurde von dem Aufſeher Abbé Sallier bemerkt, der ihn mit ſeinen Freunden bekannt machte. Ihren Ver⸗ wendungen dankte er einen mäßigen Gehalt als Eleve der orienta⸗ liſchen Sprachen. Zufällig fielen ihm mehrere kalkirte Blätter nach einem Manuſcript des orientaliſchen Werks Vendidad- Sade in die Hände. Sogleich faßte er den Vorſatz, nach Indien zu gehen, um die heiligen Bücher der Parſen*) zu entdecken. Da er die Vergütung der Reiſekoſten nicht erhalten konnte, ließ er ſich als Soldat auf einem königlichen Seeſchiff anwerben. Seine Freunde benachrichtigten hievon den Miniſter, der, gerührt von ſeinem Eifer für die Wiſſenſchaften, ihm die Reiſekoſten von Sei⸗ ten der Regierung, den Tiſch des Kapitäns, Bücher, mathema⸗
tiſche Inſtrumente, Karten, und einen Gehalt, den der Gouver⸗
neur der franzöſiſchen Niederlaſſungen in Indien anweiſen ſollte, bewilligte. Aber dieſes Wohlwollen kam Anquetil du Perron nicht zu gut; denn er war ſchon vor Empfang der Depeſchen des Mini⸗ ſters abgereiſt. Die Fahrt dauerte neun Monate. Er ſtieg den 10. Auguſt 1755 zu Pondichery an's Land, und nahm dort ſeinen Aufenthalt, um das Neu⸗Perſiſche zu erlernen. Darauf ging er nach Shandernagor, weil er das Samſerit ſtudiren wollte. Als er im Begriff war, dieſe Stadt wieder zu verlaſſen, befiel ihn eine ſchwere Krankheit. Kaum ſah er ſich hergeſtellt, als der Krieg zwiſchen Frankreich und England ausbrach. Shandernagor wurde genommen; Anquetil du Perron, der den Zweck ſeiner Reiſe zu ver⸗ fehlen fürchtete, hatte den Muth, zu Land nach Pondichery, ganz
allein, ohne Geld, mitten durch ungeheure, von wilden Thieren
unſicher gemachte, Gegenden, zurückzuwandern. Auf ſeinem Wege betrachtete er alle Pagoden, und nachdem er einen Raum von 400 Stunden in brennenden Wüſten durchzogen, kam er endlich nach Pondichery, und fand dort einen ſeiner Brüder, mit dem er ſich nach Surate einſchiffte. Da ihr Schiff unter Wegs anhalten mußte, begab ſich Anquetil nach Calicut, nach Goa, nach Auren⸗ gabad, drang in das Land der Maratten ein, unterſuchte die Denk⸗ mäler der Juden und Chriſten zu St. Thomas, und ſammelte ſorg⸗
*) Ein Volk, das, unter Indiern und Perſern wohnend, ſeine be⸗ ſondere Religion hat, und von dieſen auch Gebern, d. h. Un⸗ gläubige oder Feueranbeter, genannt wird. G.
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