Aiguillon. 83
ſich für ein ganz neues Verwaltungsſyſtem. Diejenigen, welche hierin die Ausdehnung oder Befeſtigung der königlichen Gewalt vermuthet hatten, wurden bald ihrem Irrthum entriſſen. Dieſes häufige, unbedachtſame Wanken beſchleunigte jene Unruhe der Ge⸗ müther, und die nämliche Generation ſah achtzehn Jahre ſpäter die Wirkungen deſſelben*). Noch war der neue Miniſter nicht zufrieden. Er allein wollte über das Staatsanſehn verfügen, das ihm, nach ſeinem Ausdruck, alles verdankte. Aber die öffentliche Meinung war nicht für ihn. Er hatte die, nicht ehrenvolle und vergängliche, Stütze einer Favoritin vorgezogen, ferner ſuchte er auf keine Weiſe die Theilung Polens zu hindern, welche dem In⸗ tereſſe Frankreichs ſo ſehr entgegen war. Man kannte den Ausruf Ludwigs:„Ach! Wäre Choiſeul hier geweſen, die Theilung würde „nicht geſchehen ſeyn!“ Man wiederholte dieſe Worte zur Recht⸗ fertigung des Königs. Der Miniſter hatte zwar jene Handlung nicht ausdrücklich begünſtigt, aber er war ſo nachläſſig, oder von dem Cardinal Rohan, Geſandten zu Wien, ſo ſchlecht bedient⸗, daß er zu ſpät den Beitritt Preußens und Oeſterreichs erfuhr. Die Reue der Kaiſerin Maria Thereſia, welche ſich oft Vorwürfe darüber machte, in dieſen Plan eingeſtimmt zu haben, ja es auch mit Widerwillen gethan, iſt ſchon ein Beweis, daß es dem Ver⸗ ſailler Kabinet leicht geweſen wäre, die Sache ſcheitern zu machen. Die Abneigung dieſes Miniſters gegen alle Maximen ſeines Vor⸗ gängers war Urſache, daß er die Bande des Familienvertrags ſchwächte, und ſich gegen die Allianz mit Oeſterreich erklärte**). Guſtav III. empfing von ihm auf ſeiner Reiſe nach Frankreich ei⸗ nen Theil der rückſtändigen Subſidiengelder, die letzteres ihm be⸗ willigt hatte. Der Herzog rühmte ſich, 1772 zur ſchwediſchen Revolution(welche die königliche Gewalt vergrößerte) beigetragen zu haben. Gegen das Ende der Regierung Ludwigs XV. verei⸗ nigte er die Miniſterien des Kriegs und der auswärtigen Angele⸗ genheiten. Aber nach der Thronbeſteigung Ludwigs XVI. fiel er
*) Die Dendenz dieſes Syſtems ſcheint vorzüglich dieienige geweſen zu ſeyn, unter dem Scheine des Royalismus die Macht des Adels und der Geiſtlichkeit, auf Koſten des königlichen Anſehns und der Volksfreiheit, zu heben, welches, nebſt der Zerrüttung der Finan⸗ zen und der Mitwirkung einiger Ehrgeizigen von hohem Rang, die Revolution herbeiführte. G.
**) D. h. er entfernte ſich dadurch zugleich von dem mit der Krone Frankreich verwandten Spanien, und näherte ſich Preußen, wo⸗ durch er gegen den Vortheil ſeines Landes handelte⸗ G.


