Teil eines Werkes 
1. Bd. (1821) Neue Biographie der Zeitgenossen, oder historisch-pragmatische Darstellung des Lebens aller derjenigen, die seit dem Anfange der französischen Revolution durch ihre Handlungen, Schriften, Irrthümer oder Verbrechen, sowohl in Frankreich, als im Auslande, Berühmtheit erlangt haben. 1. Bd.
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Agneſi.

ehrenvollen Rang unter den vorzüglichſten Gelehrten einzunehmen. Hätte Madame du Chatelet nicht exiſtirt, ſo würde jene die erſte ihres Geſchlechts geweſen ſeyn, die ſich in mathematiſchen Wiſſen⸗ ſchaften zu einer Stufe erhob, welche nur ſehr wenige Menſchen zu erreichen wußten. Mit fünf Jahren ſprach Agneſi die franzö⸗ ſiſche Sprache eben ſo leicht, als ihre heimiſche, mit 9 Jahren überſetzte ſie lateiniſche Autoren ins Italieniſche, und mit 14 ſchrieb ſie die italieniſche, franzöſiſche, lateiniſche, grechiſche, hebräiſche, deutſche und ſpaniſche Sprache korrekt und giſchmack⸗ voll. Sie überſetzte verſchiedene Werke, und ſchrieb für ihren eignen Gebrauch ein griechiſch⸗lateiniſches Lexikon, dar 13,300 Wörter enthielt. Die gelehrteſten Männer Italiens ſtrelten, ihr Unterricht zu ertheilen. So erlernte ſie die Grundſätze des Eukli⸗

des in der Mathematik, und die phyſikaliſchen Wiſſerſchaften.

Sie diſputirte öffentlich über philoſophiſche Theſen in ſchaaſtiſcher Form, und ließ 1738 unter dem Titel: Propositiones phi- losophicae, eine Sammlung von 191 Theſen druckm, wor⸗ über ſie im Alter von 19 Jahren diſputirt, und zwar hor einer großen Verſammlung in ihrem väterlichen Hauſe, bei welcher ſich die vornehmſten Miniſter, Senatoren und Gelehrte Malands be⸗ fanden. Agneſi's Kenntniſſe und Scharfſinn bewogen den gelehr⸗ ten Profeſſor Ramir Rampinelli von Brescia, ſie in Stand zu ſetzen, die dunkelſten und mißlichſten Probleme der Algeora aufzu⸗ löſen. Die ſtudienreiche Jungfrau erfüllte auch vollkonmen ſein Vertrauen und die Hoffnung ihrer Lehrer. Nach zehnjähriger Ar⸗ beit erſchienen ihre analytiſche Inſtitutionen, welche ſie der Kaiſerin Maria Thereſia zueignete. Dieſes Werk machte in der gelehrten Welt eine außerordentliche Senſation. Die beſchei⸗ dene Verfaſſerin, welche es nur zum Gebrauch der Jugend be⸗ ſtimmt erklärte, erhielt von allen Enden Europa's her die größten

Lobſprüche. In einem Bericht Fontanelles erklärte(1749) die

Pariſer Akademie der Wiſſenſchaften:Daß es das beſte Werk von allen dieſer Gattung ſey. Mlle Agneſi, fährt jener Ge⸗ lehrte fort, würde zum Mitglied der Akademie ernannt worden ſeyn, wenn die Geſetze derſelben Damen zulaſſen dürften. Dieſe Ehre hatte aber Agneſi ſchon 1748 von dem Inſtitut zu Bologna empfangen. Der Pabſt Benedict XIV. ſandte ihr ſeinen Glück⸗ wunſch zu dieſer Erwählung, und ernannte ſie 1750 zur Ehren⸗ Docentin der Mathematik an der Unverſität derſelben Stadt. Dies geſchah aus eigner Bewegung des Pabſtes, und nicht, wie einige Biographieen melden, auf Agnei's Anſuchen. Auch iſt es