Adelung. 55
dem auch ſey, man kann ihn immer als das umfaſſendſte Genie be⸗ trachten, das ſich noch mit der trocknen, aber nothwendigen Baſis der Wiſſenſchaften, mit der Grammatik, beſchäftigte, die der Schlüſſel aller menſchlichen Kenntniſſe iſt, mit der aber die Gram⸗ matiker ſelbſt nur ſelten in das Heiligthum eindringen. Man ſollte ſagen, daß dieienigen Menſchen, welche dieſes Studium wählen, ſich dazu verdammen, ewig Schildwachen an den Pforten des Palaſtes zu bleiben und ſie kräftigern und geſchicktern Geiſtern zu öffnen. Adelung blieb nicht da ſtehen. Seine drei deutſchen Sprachlehren, die mehrmals gedruckt ſind, ſeine Abhand⸗ lung über den deutſchen Styl,(ein Glossarium m anuale ad scriptores mediaeet infimae lati⸗ nitatis,) offenbarten einen Mann, der den feinſten Mechanismus der Sprache kannte, der gewandt war in dem künſtlichen Theil der⸗ ſelben, oder, ſo zu ſagen, in der mechaniſchen Kunſt zu ſchreiben, geduldig genug, um in die trübſten und mit neueren Idiomen ver⸗ miſchten Quellen hinabzuſteigen, und hinlänglich geſchickt, ihre Kanäle und Abweichungen zu verfolgen. Mehrere andere Werke, wie ſein Beitrag zum Gelehrten⸗Lexikon und ſeine Tabelle aller Wiſſenſchaften, Künſte und Gewerbe, die zu den Bedürfniſſen des Lebens dienen, zeigten den verſtandvollen Mann, der in die Ge⸗ ſchichte der Literatur und Wiſſenſchaften jene praktiſche Philoſo⸗ phie, die ſo köſtlich und ſelten iſt, weil ſie gewöhnlich ſcheint, ein⸗ zuführen wußte. Endlich, nachdem er ſein Leben mit Nachdenken über die verſchiedenen Weiſen, deren ſich die Menſchen zur Aeuſſe⸗ rung ihrer Gedanken bedienen, zugebracht, entwarf er den Plan zu einem großen, dieſelben vergleichenden, Gemälde, um nämlich das für die Zergliederung der Sprache zu thun, was der gelehrte Adanſon(ſ. deſſen Art.) für alle materiellen Exiſtenzen ausfüh⸗ ren wollte. Schon wurde am erſten Theile dieſes großen Syſtems gedruckt, als der Tod den Autor überraſchte, und zwar in einem an dem Ufer der Elbe gepflanzten Weinberge, wo er ſeine Freunde verſammelt hatte, um mit ihnen ſeinen 74ſten Geburtstag zu feiern. Einige Tage zuvor war ein gleich berühmter Mann geſtorben, deſ⸗ ſen Genie, Charakter und Arbeiten mehr als eine Verwandtſchaft
um die deutſche Sprachkunde, doch der Fülle und Kraft derſelben Eintrag gethan. Campe's Unterſuchungen waren eben ſo flei⸗ ßig und ausgebreiteter, und Voß erforſchte mit der ihm eignen Genialität die Quellen des niederſächſtſchen Idioms, wodurch be⸗ ſonders der poetiſche Ausdruck bereichert ward. G.


